Sonntag, 30. August 2015

Blaumänner



In der Tierwelt sind eigentlich die Männer die Paradiesvögel. Und im wahren Leben?
In der Samstagausgabe meiner Tageszeitung fiel mir das Foto aus Anlass des Besuchs des Außenministers Frank-Walter Steinmeier  in der Essener Uniklinik auf.
Auf den ersten Blick dachte ich, dass Bild stammt aus alten DDR- oder Mao-China-Zeiten. Alle Abgebildeten tragen blaue Arbeitsanzüge, also Blaumänner. Man(n)/ Frau  stelle sich einmal vor, auf dem Foto wären die Bundeskanzlerin gemeinsam mit sieben Geschlechtsgenossinnen in blauen Hosenanzügen abgelichtet worden. Ein Sturm wäre durch die Gazetten gezogen, noch kräftiger als seinerzeit beim Bayreuther-Dekoltee-Skandal.
Und bei den männlichen Eliten mit Modesünden? Nix passiert. Ne, ne Männer, ihr enttäuscht mich. Ihr seid ja auch fast alle schon im Rentneralter. Aber ein  bisschen mehr Mode täte euch und uns Betrachtern gut.


Foto: Quelle WAZ und NRZ vom 29.8.2015 - Fotograf: Knut Vahlensieck



Freitag, 28. August 2015

„Hol’ den Papa…“




In nur fünfeinhalb Jahren war unsere sechsköpfige Familie komplett. Vater, Mutter, Dieter (1947), Hartmut (1948), Manfred (1950) und Uwe (1953). Was wäre wohl aus mir „Dagmar“ geworden?
Wir wohnten direkt am Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer. Parterre. Unser Wohnhaus, Teil der so genannten Polizeistadt, hatte einen schmalen langen Hinterhof. Eine rote Backsteinmauer trennte ihn vom Gelände des Polizeipräsidiums. Dahinter war der schönste Spielplatz der Welt. Pferdestall mit Heuboden, großer Sportplatz mit Sandgrube, nicht verschlossene Einsatzfahrzeuge, Schießstand (!). Alle Polizeikinder unserer Siedlung spielten hier.
Mein Vater arbeitete  im polizeiärztlichen Dienst (das hörte er immer gerne), wir sagten Sanitätsstelle. Er konnte von seiner Dienstelle schräg rüber zu unserem Küchenfenster „spucken“, Luftlinie etwa 10 Meter. Wenn Mutter mal wieder mit uns vier Jungs nicht klar kam, rief sie: "Waaalter, die Kinder..."
Sein Fenster in der 1. Etage öffnete sich dann. Es schallte über den Hof. "Wartet nur, wenn ich nach Hause komm’, dann gibt’s Saures." Manchmal hatte er nach Dienstschluss seine pädagogische Androhung vergessen, er blieb in der Polizeikantine hängen. Diese befand sich direkt unter der Sanitätsstelle und war in der Regel nach Büroschluss voll, voller (!) „grüner“ durstiger Männer. Auch während der Dienstzeit liefen die Geschäfte für den Kantinenwirt nicht schlecht.  Die Nachkriegsgeneration war sehr, sehr durstig.
An solchen Tagen schaute meine Mutter ab 17.00 Uhr gebannt aus dem Küchenfenster zum Ausgang des Dienstgebäudes.  Ob Vater den direkten Weg nach Hause findet? Wir Kinder wussten schon, wo Papa und seine Kollegen gerne den Feierabend verbrachten.
Wenn er nicht heim kam, sagte Mutter zu dem Ältesten: "Geh' rüber und hol’ Papa." Sie befürchtete immer, dass Vater das recht spärliche Polizistengehalt (etwa 400 Mark) in Gerstensaft umsetzte. So wie viele Bergbaufrauen im Ruhrgebiet, die am Werktor standen, wenn’s am Monatsanfang die „Lohntüten“ gab.
Dieter, der älteste der vier Jungs, kletterte über die Mauer, ging in die Kantine und sah Papa in Uniform mit seinen Kollegen an der geschwungenen Theke stehen. Vater bestellte dann beim Wirt, Herrn Ottenströer, eine rote sprudelnde Limonade. „Zitsch“ - 10 Pfennig. Mein großer Bruder trank aus und wurde mit den Worten: "Sag’ Mutti, ich komme gleich", heim geschickt. Nichts passierte. Nach gewisser Zeit war der zweitälteste Hartmut dran: "Geh' rüber und hol' Papa." Der anschließende Ablauf und Dialog zwischen Vater und Sohn verlief ähnlich „Für den Jungen eine Brause, sag’ Mama, ich komme gleich.“ Ich kürze an dieser Stelle ab. Es folgte Manfred, der Dritte im Bunde, und zu  allerletzt der Jüngste – ich.  „Lütti“, so mein familiärer Spitzname, bekam und schlürfte wie seine Vorgänger die rote Brause. Sie wissen schon, was jetzt folgte. Und am Ende des Tages?  
Meine Mutter machte uns bettfertig und sich anschließend ausgehfein, ging - sprang natürlich nicht über die Mauer - rüber in die Polizeikantine 
Beide kamen dann gemeinsam irgendwann heim, während wir vier Geschwister in einem Kinderzimmer von der roten Limonade träumten.

P.S. Meine Eltern waren 66 Jahre verheiratet

Foto: Mein Vater und Herr Schneider an der Theke in der Polizeikantine. Im Ausschank: "Stern Pils"

Dienstag, 25. August 2015

Werbung und Wahlplakate…





Nirgendwo wird so viel gelogen wie in der Werbung. Oder glauben sie an eine „Bikinifigur an nur einem Tag oder „an 37 Arten von Kopfschmerzen“? Schwachsinn!

Und Wahlplakate sind nix anderes, wie jetzt zur Oberbürgermeisterwahl in Essen. Die Kandidaten hauen einfach mal so eine Werbebotschaft in die Welt. Kann man so wie so nicht überprüfen. Die Stadt wird mit unsinnigen Plakaten zugepflastert. Von den Kosten mal ganz abgesehen. Jetzt bin ich ganz „Pirat“. Die wollten die Werbetafeln im Stadtgebiet auf 500 beschränken. Vergeblich. Wenn ich mich nur einmal in meinem kleinen Stadtteil Fischlaken umschaue, sehe ich schon so viele. Zugegeben gezählt habe ich sie nicht.

Apropos Wahlen. Wo sind eigentlich die „Grauen Panther“ geblieben? Da gefiel mir schon der Name der Partei. Wäre doch mal wieder was – eine Rentnerpartei.

Zurück zur Werbung und den Plakaten. Da fällt mir noch ein bescheuerter Werbespruch aus meiner Kindheit ein: „Bosch bohrt die schönsten Löcher.“

Foto: Habe mich einfach mal vor den SPD-Kandidaten gestellt. Es sagte mal jemand zu mir: „Der Pass sieht aus wie Du.“ Niemals, oder?


Freitag, 21. August 2015

Sinnestäuschung


Schaut einmal ganz schnell auf den kleinen angehängten Artikel. Na? Na? Was lest ihr? Meine Oma war Stripperin. Oder? „Omma“ hat sich früher ausgezogen.

Mir passierte das gestern. Erst beim Durchlesen wusste ich, worum es eigentlich in dem kleinen Artikel geht. Nix nackige „Omma“. Die Großmutter war Stipperin - ohne R. Sie hat ihren Keks immer in den Kaffee gestippt, was der Autorin, Sabine Moseler-Worm, nur bei jedem zweiten Keks unfallfrei gelingt.

Da hat mir das Gehirn einen gehörigen Streich gespielt. Sinnestäuschung. Man liest, was man lesen möchte.

Donnerstag, 20. August 2015

Flüchtlinge und Leserbriefschreiber



Heute werde ich mal wieder vom Gutrentner zum Wutrentner.
Da macht doch tatsächlich ein Leserbriefschreiber heute in der NRZ im Zusammenhang mit Flüchtlingen eine Kosten-/ Nutzenrechnung auf. „Nützt uns, also Deutschland, die Einwanderung von Asylanten und Wirtschaftsflüchtlingen? Nein, sie nützt uns nicht, sie kostet Milliarden,“ schreibt ein Herr Hahn aus Duisburg.
Man stelle sich vor, die Länder, die während der Nazidiktatur Deutsche jüdischen Glaubens oder andere Verfolgte aufgenommen haben, hätten sich diese Frage gestellt. Nein, sie haben gehandelt und Greisen, Männern, Frauen und Kindern die Gaskammern in Deutschland erspart. Ihre Meinung, Herr Hahn, widerspricht unseren Werten, unserer Kultur, unserem Glauben, unserer Geschichte.
Aber vielleicht gibt es ja eine Antwort auf die inhumane Frage. Die Kinder der Flüchtlinge werden möglicherweise einmal die Renten in Deutschland sichern und Arbeiten übernehmen, für die sich in unserer Gesellschaft niemand mehr findet. Ich empfehle allen, die so denken wie der Schreiber aus Duisburg, die Novelle von Wilhelm Hauff: Das kalte Herz.
Und an die Adressen aller Leserbriefschreiber, die Andersdenkende gerne mit dem Begriff „Gutmenschen“ titulieren, sage ich: Ja, ich bin lieber ein guter Mensch als ein - Entschuldigung - Arschloch…

Foto: Das Foto zeigt meinen Vater (links) und seinen Freund im zerbombten Ruhrgebiet kurz nach dem Krieg. Er und meine Großeltern waren auch Flüchtlinge…aus Ostpreußen

Mittwoch, 19. August 2015

Der geilste Tag in meinem Leben…





Vor genau einem Jahr besuchte ich meinen schwer kranken kleinen Freund Moritz und seine Familie in Mühlheim a. d. Donau. Der Kleine wollte immer Scharfschütze beim SEK werden. Na ja, in seiner kindlichen Art. Wir wollten auch alle einmal Cowboy werden, obwohl – ich tendierte eher zum Indianer.

Moritz und seine Familie durften meinen Kollegen vom SEK Baden-Württemberg (BW) beim Üben über die Schulter schauen. Das war sein  Herzenswunsch. Ich hatte ihm das versprochen, als wir uns bei der McDonald's Kinderhilfe, Hundertwasserhaus im Grugapark, Ende 2013 kennenlernten. Weil der Kleine es Monate später nicht mehr bis nach Essen zum SEK schaffte, haben ich über einen Kollegen in Göppingen angefragt und eine Zusage bekommen.  

Seine Krankheit zeichnete ihn schon, die "coole" Sonnenbrille trug er nicht ohne Grund. Die "harten Jungs" wurden ganz weich und waren so nett zu ihm.

Am Abend sagte er zu seiner Mama im Bett: “Das war der geilste Tag in meinem Leben.“ 

In seinem kurzen Leben muss man leider im Nachhinein hinzufügen. Moritz starb genau drei Monate später im Alter von nur 9 Jahren. Es ist so traurig.

Moritz hat jedoch eins bewirkt, nämlich eine dicke Freundschaft zwischen seiner Familie und uns.  Ende des Monats reisen meine Frau und ich in den kleinen idyllischen Ort - Mühlheim an der Donau -  zum „Millemer Städtlefest“.

Und natürlich besuchen wir auch Moritz, unseren kleinen Scharfschützen…

 Fotos: August 2014 - der geilste Tag für Moritz beim SEK















Dienstag, 18. August 2015

Ich bleib’ hier…




„Immer mehr Rentner verbringen ihren Ruhestand im Ausland“. Diese Meldung rauschte gestern durch den Blätterwald und durch die Radioäther. Es sollen nach den Angaben der Rentenversicherung im vergangenen Jahr rund 225.000 gewesen sein. Warum das so ist, geht aus der Nachricht nicht hervor. Hintergründe - Fehlanzeige. Ob die Statistik überhaupt stimmt, bleibt dahin gestellt. Eigentlich ist die Agenturmeldung überflüssig wie ein Kropf.

Ich tauche wahrscheinlich als so genannter „Versorgungsberechtigter“ (Pensionär) in dieser Statistik erst gar nicht auf. 

Egal, wie ich heiße. Rentner, Versorgungsberechtigter. Pensionär. Hier sind das Klima gut und die Leute in Ordnung. Na ja, einigermaßen. Hier leben meine Familie, meine Freunde, meine Kätzchen, hier sind meine Vorfahren begraben, hier kann ich mich in meiner Muttersprache verständigen. Also, was soll ich in der Ferne?

Ich bleib auf alle Fälle im Lande…

Foto: Fest gemeißelt in der Erde steht die Lechner-Figur vor der Polizeiwache in Witten.Wir bleiben standhaft