Sonntag, 30. Januar 2022

„Ich habe keine Zeit, um alt zu werden“


Der ehemalige Polizeipräsident von Essen (1988 – 2000) und Düsseldorf (2000 – 2006) Michael Dybowski war mit Essen eng verbunden, obwohl er in Düsseldorf wohnte. Immer in der Stadtgesellschaft unterwegs. In den Freiräumen zwischen zwei Terminen schaute er schon mal auf den Hauptwachen vorbei. Die Diensthundeführer begleitete er zu den Landesmeisterschaften nach Stukenbrock, was auswärtige Kollegen zum Staunen brachte. Den Fußballern der Behördenmannschaft stellte er schon mal einen Bierkasten in die Kabine. Und als der Polizeischreiner Kalle Krux in Rente ging war der Präsident dabei. Eben einer zum Anfassen.
Amtseinführung 1988 - v. l. n. r. Michael Dybowski , IM Herbert Schnoor und Vorgänger PP Max Bloser

Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichte in der Hauptwache Borbeck an der Schloßstraße. Die Kollegen ließen ein junges Rucksackpärchen aus Australien in einer Zelle übernachten, weil in der Nacht kein Hotel mehr aufzutreiben war. Sie bekamen von der Leitungsebene der Schutzpolizei mächtig Ärger. Angeblich sei das ein Verstoß gegen die Gewahrsamsordnung. "Wo kommen wir den hin, wenn jeden Abend ein Obdachloser auf der Matte steht." Das sah der Polizeipräsident ganz anders. Michael Dybowski drehte den Spieß um und lobte das Verhalten seiner Kollegen. Diese kleine Anekdote baute er in seine Rede zum Weihnachtskonzert der Essener Polizei ein, verbunden mit der Weihnachtsbotschaft: „Da war kein Platz in der Herberge – die Polizei half als Freund und Helfer.“
Bereits im Ruhestand bei seinem 70. Geburtstag
 Mittlerweile 81 Jahre alt ist der gebürtige Berliner weiterhin aktiv. Seit dem frühen Tod unseres Kollegen Klaus Dönneke ist er Vorsitzender des Polizeigeschichtsvereins „Geschichte am Jürgensplatz e.V.“ und in Essen im Vorstand des „Franz-Sales-Hauses“.
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Tor“ (Düsseldorf Magazin zu Themen Stadtentwicklung, Stadtgeschichte, Kultur, Denkmalpflege, Brauchtum, Sport, Wirtschaft und Persönlichkeiten) erschien ein interessanter Artikel über den 81-Jährigen auf Seite 13.
 

Samstag, 29. Januar 2022

FDP für den Verbleib der Polizei im Präsidium

So langsam meldet sich auch die Kommunalpolitik zum geplanten Auszug der Polizei aus dem Präsidium zu Wort, berichten gestern WAZ und NRZ. Den Anfang macht die FDP. Ihr Fraktionsvorsitzender Hans-Peter Schöneweiß wird wie folgt zitiert: „Wir werden für den Erhalt dieses Standortes kämpfen.“ Der Ex-Polizist reagiert mit „großem Unverständnis“ auf die Pläne der Polizeiführung und des Ministeriums. Zitat: „Wir sind der Meinung, dass die Polizei für die Bürger da ist und nicht umgekehrt. Dazu gehört auch Präsenz im Stadtteil.“
 
Han-Peter Schöneweiß 2013 im Polizeidienst

Ich hoffe jetzt auch auf Unterstützung von dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Essen und stellvertretenden Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Heiko Müller. Denn der ist immerhin ein Parteifreund von Hans-Peter Schöneweiß.
 
Das Foto von 2013 zeigt Hans-Peter Schöneweiß noch im Polizeidienst bei einer Demonstration in der Innenstadt.

Donnerstag, 27. Januar 2022

„Dein Freund und Helfer hieße dann SS“ - Holocaust Gedenktag

„Ich bin in Blut gewatet“, sagte vor 50 Jahren ein älterer Polizeikollege, der im Krieg in einem Polizeibataillon eingesetzt war, aus heiterem Himmel  zu mir. Wir saßen im Streifenwagen. Dieser Satz hat sich bei mir eingebrannt. Ich weiß nicht, warum er diesen Satz loswerden musste? War es die Last der Verbrechen, die er mit sich herumtrug. Die Träume, die ihn nachts schlafen ließen?

Ich war von dem Geständnis überrascht, 19 Jahre alt, noch in der Ausbildung und nicht neugierig genug, um weiter zu fragen. Das ärgert mich heute. Aber dieser Satz hat sich irgendwie bei mir eingebrannt: "Ich bin in Blut gewatet" 

Ein anderer „Kriegsveteran“ der Polizei - schon im Rentneralter - sagte mal auf meine Frage, was er denn im Krieg erlebt habe. „Ich war bei Erschießungen dabei.“ Und gleich wieder entschuldigend: „Aber nur als Zeuge.“

Das Buch zur gleichnamigen Ausstellung in Berlin 2011

"Wir haben für Sicherheit und Ordnung gesorgt oder waren bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt", antwortete mir ein Polizeihauptkommissar a. D., der auf allen Kriegsschauplätzen in Europa polizeilich unterwegs war, auf meine Frage: "Was er denn da gemacht habe?"

Die Polizei hat lange ihre Rolle in der Nazizeit verschwiegen. Das Böse war die SS. Vergessen wurde allerdings, dass die Polizei ein Teil des Bösen und Heinrich Himmler auch ihr gemeinsamer Chef war. Erst viel später begann die historische Aufarbeitung. Zu spät. Alle polizeilichen Sparten (Kriminal-/ Schutzpolizei, Gestapo) waren am Völkermord beteiligt. Und einige der Haupttäter machten nach dem 1945 wieder Karriere bei der Polizei. Nur ganz wenige mussten sich vor Gericht verantworten.

Heute erinnern wir uns wieder an die Gräueltaten der Deutschen, denen Millionen Menschen zu Opfer fielen. Immer am 27. Januar eines Jahres. An diesem Tag 1945 wurde das Konzentrationslager „Auschwitz“ von der Sowjetarmee befreit. Allein hier wurden schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen (!) Menschen bestialisch ermordet oder starben an den Umständen im Lager.

Wer einmal die Gedenkstätte „Yad Vashem“ in Israel besucht hat, kann vielleicht im Entfernten nachempfinden, welches Leid das damalige Deutschland weltweit angerichtet hat. 

http://ausserdienst.blogspot.com/2019/05/israel-jerusalem-kinder-und-viele.html

Und das Gift des Antisemitismus  hat sich in der Gesellschaft gehalten und schleicht immer langsamer voran. Deshalb ist das Erinnern so wichtig. Auch für die Polizei.

2021 - Die Essener Polizei legt das Buch neu auf
  

Und dann gibt es noch ein Lied von einem, den ich sehr mag. Herman van Veen sang es vor knapp 40 Jahren. Der Text und die Übersetzungen stammen von Willem Wilmik und Thomas Woitkewitsch.

Wenn’s nur anders ausgegangen wär

Wenn Hitler seinen Kampf gewonnen hätte - ist der Gedanke denn so hirnverbrannt,
gäb’s keine deutsche  Frau mit Zigarette - dann herrschten Zucht und Ordnung hier im Land.

Dann würde es die Dritte Welt nicht geben und dafür nur ein großes Drittes Reich. Der Sozialismus wäre nicht am Leben und trotzdem wären alle Menschen gleich. Gewerkschaften gäb's keine mehr - wenn's anders ausgegangen war'

Dann gäb's nicht das Problem der Asylanten - hierher zu wollen hätte wenig Sinn. Verschwindend war die Zahl der Emigranten - wo sollten die denn schließlich schon noch hin. Man spräche auch nicht mehr von Arbeitslosen - dann hätte man die Vollbeschäftigung. Es nähmen keine Umweltschutz-Mimosen dem Bau der Autobahnen seinen Schwung. Die Rüstung hätt' es nicht so schwer - wenn's anders ausgegangen war'

Für Homosexuelle streng verboten - die Schilder hingen dann an jeder Bar. Es gäbe keine Grünen, keine Roten - wohin die alle kämen, ist wohl klar. Am Bahnhof saß' kein Penner und kein Streuner - kein Fixer gab' sich dann mehr einen Schuss. An keine Haustür käm' mehr ein Zigeuner - auch mit den Juden war' für immer Schluss. Die Krankenhäuser wären leer - wenn's anders ausgegangen war'

Inzwischen wäre Hitler mehrfach Opa - wenn auch wahrscheinlich nicht durch Eva Braun. Und längst war' ihm gelungen, in Europa - was die EG will - die Zölle abzubau'n. Es herrschte das gesunde Volksempfinden - und das mag keinen längeren Prozeß wer aneckt, würde über Nacht verschwinden - dein Freund und Helfer hieße dann SS 

Und ich, ich sänge sicher auch nicht mehr, wenn's anders ausgegangen war'   

 

 

 


Sonntag, 23. Januar 2022

Heiratsmarkt Polizeipräsidium

Heute würde man dazu Datingplattform sagen. In den früheren  Jahren des 20. Jahrhunderts befand sich so ein Ort am Polizeipräsidium (erbaut von 1914 – 1918) zwischen Hufeland-, Virchow- und Weyerstraße (jetzige Büscherstraße) auf der Stadtteilgrenze in Rüttenscheid und Holsterhausen. Sonntagvormittag spielte zum Frühkonzert die Musik dort auf – die Polizeimusik. Märsche, Ouvertüre, Walter, Potpourris. Und dann schauten zwischen dem angrenzenden Park und dem imposanten Gebäude junge Frauen und Männer vorbei und testeten bei flotter Musik ihren „Marktwerk“. So manche Eheschließung nahm hier am Haumannshof ihren Anfang.

Sonntagsmatinee 1926  am Polizeipräsidium 

Günther Eggert, der langjährige Leiter des Polizeimusikkorps, erzählte gerne davon. Er kam nach dem Krieg als Musiker zur Polizei. Der damalige Polizeichef Neitzel suchte noch einen Hornisten. Den fanden er mit Günther Eggert, der auf der Folkwang Musikhochschule in Essen-Werden das Instrument studierte. So wurde er Polizist und später Chef des Polizeimusikkorps (PMK). In der Hochzeit des RAF-Terrorismus in den 1970 er-Jahren wurden die Beamten schon einmal zur Fahndung herangezogen. Dann wechselten sie das polizeiliche Einsatzmittel. Von der Klarinette zur Anhaltekelle, von der Trompete zur Maschinenpistole. Die musizierenden Beamten wurden nach und nach zu Angestellten. Die Dienstgradabzeichen auf den Schultern der Uniform änderten sich. Von den Sternen zur Lyra. Das Essener Polizeimusikkorps gibt es nicht mehr.

Gibt es bald auch die Polizei im Polizeipräsidium im Rüttenscheider Justizviertel auch nicht mehr? Polizeipräsident Frank Richter plant den Auszug, die Kündigung für 2025 ist an den landeseigenen Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) raus. Das Ministerium hat schon eine europaweite Ausschreibung auf den Weg gebracht, heißt es in den Medien.