Freitag, 31. Dezember 2021

Gurke

Als Polizist und Landesbeamter kann man in ganz NRW eingesetzt werden. Drei von den knapp 50 Behörden durfte der erfolgreiche Polizeischüler zu meiner Zeit als so genannte Wahlbehörde "auswählen". Besonders die großen Polizeipräsidien wie Köln, Düsseldorf, Essen oder die damalige Bundeshauptstadt Bonn benötigten immer Nachwuchs. So verschlug es schon einmal junge Kollegen aus ländlichen Regionen in eine Großstadt.

Was hat denn die Gurke (!) mit Essen (!) zu tun? Beides trifft zu.

1971. Ich hatte Glück. Von meinem Geburts- und damaligen Wohnort Gelsenkirchen-Buer war es nach Essen nicht weit. Damals noch ohne Auto konnte ich meine Wache in der Innenstadt gut mit der Straßenbahn Linie 101 erreichen. Nach dem Nachtdienst bin ich ab und zu eingeschlafen und wurde vom Schaffner an der Endstelle geweckt.

Hinter dieser Mauer beginnt Essens "sündige Meile" mit den 15 Häusern 

Mir teilte jetzt Kollege "Kalle" in Fortsetzung der Geschichten rund um "Stahlstraße“ folgende kleine Anekdote aus den 70er-Jahren mit:

 Ein junger Kollege, den es aus dem weitläufigen, ländlichen Teil von Nordrhein-Westfalen als Oberwachtmeister nach Essen verschlug, hörte gespannt und aufmerksam zu, wenn die älteren Polizisten über die „Gurke“ plauderten. Da sei immer was los. An einem freien Wochenende wollte er seiner Freundin und einem befreundeten Pärchen seinen neuen Dienstort Essen zeigen und, wie er später erzählte, in der „Gurke“ vorbeischauen und ein bisschen abtanzen. Die Vier reisten also mit dem Zug aus Ostwestfalen an und wollten mit dem Taxi ihr Ziel erreichen. Der Taxifahrer habe sich über das gewünschte Fahrtziel gewundert. "Gurke" in  Damenbegleitung? Jeder Essener Droschkenführer kannte natürlich den Ortsbegriff. Fuhr er ihn doch mehrmals vom Hauptbahnhof besondes in den Abendstunden. Aber er dachte wohl: „Auftrag ist Auftrag – Fahrt ist Fahrt.“ Also ging es quer durch die Innenstadt in Richtung Stahlstraße. Er ließ seine Fahrgäste in der Nordhofstraße kurz vor dem eigentlich Endziel „Gurke“ aussteigen. Die zwei Pärchen gingen schnurstracks dort hin und wurden direkt hinter der Mauer mit fliegenden, rohen Eiern empfangen. Denn Frauen außerhalb des Gewerbes waren hier nicht willkommen. Niemand habe ihm erklärt, was der Ort "Gurke" in Essen bedeutet. Er habe stets an eine Diskothek gedacht.“

 P.S. Hinter das Geheimnis der Namensfindung "Gurke" bin ich nie gekommen. Und dann gibt es noch den "Eierberg" unserer Nachbarstadt Bochum. Warum der so heißt? Flogen da auch mal die Eier?  Vielleicht kennt jemand die Antworten. 


 

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Claude und andere Mädchen

Vorwort:

Ich habe einen Mitautor gewonnen. Nach den Veröffentlichungen meiner Polizeigeschichten rund um die Stahlstraße bekam ich gestern den folgenden Tatsachenbericht von meinem Ex-Kollegen Wolfgang Dinsing. Der 73-Jährige war lange Jahre bei der Essener Kripo, anfangs auf der Kriminalwache, später beim Einbruchskommissariat als Leiter des Drogenkommissariats. Die letzten Jahre war der Erste Kriminalhauptkommissar Chef der Todesermittler.

Claude und andere Mädchen von Wolfgang Dinsing

Anfang der 1970er-Jahre. Claude arbeitete in der Essener Stahlstraße als Domina. Sie war lesbisch und in jungen Jahren französische Meisterin im Rennradfahren gewesen. Ihre Zuhälterin war eine Hausfrau aus Bredeney. Es lag ein Haftbefehl aus Badem Württemberg gegen sie vor. Vom Amtsgericht Bad Säckingen. Wegen sexueller Nötigung. Zur Vollstreckung des Haftbefehles wurden zwei besonders moralisch gefestigte Beamte der „Fahndung“ entsandt. Einer davon war ich. Der Grund laut Haftbefehl: Claude hatte eine Schönheitstänzerin in einem Nachtclub in der Kleinstadt in der Garderobe eingesperrt und sexuell belästigt. Sie hatte ihr Opfer an diversen, im Haftbefehl detailliert aufgeführten Körperstellen, gefasst. Konfrontiert mit den Vorwürfen, hob sie die Hand bis zu ihrem gelockten, blonden Haarschopf, strich dadurch und erklärte im französischen Akzent: “Was sollte isch machen Herr Kommissar, war isch bis hierhin voller Trieb!“ Der Amtsrichter setzte den Haftbefehl außer Vollzug. Claude musste sich allerdings regelmäßig bis zum Gerichtstermin bei der Polizei melden.

Irgendwann kam sie zur Kriminalwache ins Polizeipräsidium und hat sich fürchterlich über die Kollegen der Schutzpolizei der „Gerlingwache“ geärgert. Sie war mit ihrem Ferrari Dino über eine Verkehrsinsel der Hindenburgstraße gerast und hat sich dabei die Ölwanne aufgeschlitzt.  Die Polizisten am Unfallort wollten ihr nicht helfen. Keiner wollte das Öl auf der Straße wegmachen und keiner wollte: „Die scheiß Ferrari haben.“ Auch nicht geschenkt. Hätte sie mich mal als Liebhaber alter und mondäner Autos gefragt.  Der italienische Sportwagen stand dann mehrere Monate auf dem kleinen Hof hinter dem Haus-Nr. 58 der Stahlstraße.

Die Stahlstraße  - im Hintergrund das Gebäude der Funke Medien Gruppe - Aufnahme aus 2018

Die nächtlichen Streifenfahrten führten uns regelmäßig durch die Straße des Dirnenwohnheims mit den 15 Häusern. Natürlich ohne unsere Kolleginnen der Kriminalwache. Es soll nämlich den Fall gegeben haben, dass die Dirnen mit ihren Stöckelschuhen auf das Wagendach geschlagen hätten, als sie eine Frau  im Auto entdeckten. Und wir von der Kripo fuhren nun einmal Zivilwagen. Wie hätten wir die Beulen erklären sollen?

Wenn die Huren in den Fenstern saßen, fragten sie uns schon mal, ob wir ihnen von „Mary’s Imbiss“ am Großmarkt etwas besorgen könnten. Klar, machten wir. Allerdings mit Hintergedanken. Wir sind dann mit den Bratwürsten im Beutel zurückgefahren und so haben wir einiges über ihre Zuhälter, ihre Brutalität oder andere kriminelle Dinge erfahren.

Ab und zu blieb ein Freier nach dem Sex auch mal liegen. Nicht vor Anstrengung oder weil er nicht nach Hause wollte, er war tot. „Jeden Sonntagmorgen kommt er zu mir. Er war so lieb. So großzügig. Er war mein Stammkunde“, erzählte uns eine Prostituierte in einem Todesermittlungsfall. Jetzt war der Stammkunde im “Freierhimmel.“  Kurz vor Abtransport der Leiche bat uns die Liebesdienerin noch: „Ihr müsst seine Badehose nass machen.“ Was sie dann aus uns unerfindlichen Gründen selbst übernahm. Als wir seiner Familie die traurige Nachricht vom Ableben des Haushaltsvorstandes  persönlich überbrachten, war die Reaktion unterschiedlich. Die Tochter: „Donnerwetter, das hätte ich dem Alten gar nicht mehr zugetraut!“  Der Sohn: „Das hat doch sicher eine Mörderkohle gekostet!“ Und die Ehefrau: „Und ich dachte, er geht sonntags immer zum Schwimmen!“ Aha, deswegen die nasse Badehose. Man kennt eben seine eigenen Angehörigen doch nicht so gut wie man meint.

Das trifft auch auf eine andere „Familie“ zu – eher eine Großfamilie. Nachdem ein älterer, sehr gesetzter Herr auf einer schwarzafrikanischen Dame des Gewerbes verstorben war, sichten wir in seiner abgelegten Kleidung nach Personalpapieren. Und schnell war die Kontaktadresse gefunden. Eine Firma mit dem Namen „Domo-Obst“. Was lag näher, als dort anzurufen und die traurige Botschaft vorsichtig und behutsam mitzuteilen.  Unser Erstaunen war groß, als sich unter der Telefonnummer ein Domprobst (!) meldete. Nachdem er eine Minute, wahrscheinlich aus Pietät und Takt, geschwiegen hatte, erklärte er uns dann, dass es sich bei dem Verstorbenen um den örtlichen Vertreter des Bistums handele, der einen Besuch in der Nachbardiözese machte und wohl auf Abwegen geraten war.


Dienstag, 28. Dezember 2021

Sehleute

Über einer der ältesten Laufstraßen Deutschlands habe ich an anderer Stelle ja schon häufig berichtet. Der Name passt zu Essen, wie die Faust aufs Auge. Die Stahlstraße. Wie sagte einst der größte Verbrecher aller Zeiten: „Jungs müssen hart wie Kruppstahl sein.“ Aber das ist ein anderes Thema.

In der Stahlstraße boten Frauen ihre Dienstleistungen an. Und das seit über 100 Jahren. Eben – das älteste Gewerbe der Welt.

Im Haus unten links befand sich die Wache - rechts die Häuser hinter der Mauer

Die Polizei hatte bis Anfang der 1970er-Jahre im letzten  Mehrfamilienhaus im Erdgeschoss auf der Nordhofstraße eine so genannte Nebenwache. Zu tun gab für die Beamten immer etwas. Schlägereien, Zahlungsstreitigkeiten oder Beischlafdiebstahl. In der Stahlstraße hielten sich auch oft Männer auf, die einfach nur gucken wollten, denn die Dirnen boten sich freizügig gekleidet ihrer Kundschaft an. Entweder direkt auf der Straße oder in den beleuchteten Fenstern. Im Polizeijargon wurden die Gaffer  „Sehleute“ genannt.

Blick in die Stahlstraße - links im Bild  ein "Sehmann"

Wie Mücken das Licht zog das Rotlicht auch Typen aus der Essener Unterwelt an. Manche hatten hier sogar ihren Zweitwohnsitz. Oder sie kamen zum Abkassieren.

Ab und zu führte die Polzei Razzien durch. Jetzt fand ich in historischen Unterlagen polizeiliche Merkzettel für die Einsatzkräfte aus der 1960er-Jahren.

 U. a. heißt es in den Schreiben: „Unterrichtung der (Sehleute) durch Lautsprecher über die polizeiliche Kontrolle...während der Zeit der Kontrolle halten sich mehrere Beamte in der Dirnenstraße auf auf und sorgen je nach Lage für Ruhe und Ordnung. Erforderlichenfalls müssen die letzten "Sehleute" mit Gewalt zur Kontrollstelle gebracht werden…“

 Lautsprecherdurchsage für die Razzia in der Dirnenstraße

 
Merkzettel für die Razzia in der Dirnenstraße

Merkzettel für die Durchsuchung der einzelnen Dirnenunterkünfte


Freitag, 17. Dezember 2021

Weyerlinge

Die Älteren kennen sie noch - die „Weyerlinge“. Diese Bezeichnung für lebensältere Kollegen Ende der 1960er-Jahre hielt sich lange Jahre bei der Polizei. Später kamen noch die „Wanniger“ hinzu. Aber das ist ein anderes Thema.

Gerade nach dem Zechensterben im Ruhrgebiet wurden viele „Weyerlinge“ eingestellt, aber auch aus anderen Arbeitsverhältnissen gingen gestandene, berufserfahrene Männer zur Polizei.  Der unfreiwillige Namensgeber für sie war der damalige NRW-Innenminister Willi Weyer, der für die Anstellung und verkürzte Ausbildung sorgte. 

Innenminister Willi Weyer (rechts) bei einer Sportlerehrung im PSV-Heim
Ich habe noch mit einigen Dienst versehen. Gerne. Einer von  ihnen war Nick T.,  mindestens 190 cm groß, fast zwei Zentner schwer, mit Händen groß wie „Pannschüppen“. Wo er hinlangte, wuchs kein Gras mehr, hieß es auf der „Gerlingwache“. Bei Kneipenschlägereien - gibt es heute gar nicht mehr - herrschte Ruhe, wenn Nick auftauchte. Mit ihm fuhr jeder gerne auf Streife. Unter den „Weyerlingen“ befanden sich auch welche, die nicht so gerne an der Schreibmaschine saßen. Aber diese Schlitzohren waren mit allen Wassern ihrer Lebenserfahrung gewaschen. An einige Sprüche kann ich mich noch gut erinnern. Walli N. zu mir: „Junge, Du schreibst, ich schlag. Ein anderer: “Pass mal auf! Dein Schulbankwissen kannste mal ganz schnell hier vergessen“, als ich anmerkte, dass ein A-Unfall doch nur bis zur geschätzten Schadenssumme von 1000 Mark gelte. Oder: „Wenn ich mit einem Bürger spreche, hälst Du dich schön geschlossen. Ist das klar?“ Der ehemaliger Bergmannsknappe und gebürtige Berliner Atze: „Jetzt zeige ich dir, wie ich aus einem Vorgang drei Tätigkeiten mache. Ein Parkverstoß gleich zwei Zahlkarten und eine Owi (Anmerkung: Ordnungswidrigkeitenanzeige).“ Die Verkehrswissenschaftler Meier, Stiefel, Jacoby lassen grüßen. Sie erklärten der Polizeipolitik damals auf Kosten der Autofahrer, was zu tun sei, um Verkehrsunfälle zu vermeiden. Und viele Kollegen schraubten so an ihrer Karriere und sangen gerne die Stille-Nacht-Textzeile des Weihnachtslieds ("Gottes Sohn, o wie lacht") textlich abgewandelt in: "Owi lacht." Und wer sich nicht an die Vorgaben hielt, wurde gescholten („Schimpferlass“). Es wurde alles verkehrstechnisch auf vier Rädern gejagt, was nicht schnell auf die Bäume kam. Unser erster Wach- und Einsatzleiter (WE) entließ uns im Nachtdienst immer mit dem Spruch: „Wir sind heute wieder blutrünstig.“

Jetzt las ich in der NRZ-Rubrik „Heute vor 50 Jahren“ einen Artikel, in dem der Innenminister Willi Weyer erwähnt wurde. In Duisburg traf der FDP-Politiker die Polizeifamilie von Kriminalhauptmeister a. D. Herbert Querhammer. Seine vier Söhne gingen zur Polizei. Ich stamme ebenfalls aus einer Polizeifamilie mit vier Jungs. Von uns gingen nur zwei zur Polizei. Der eine als Quereinsteiger zur Kripo, ich durchlief die normale Ausbildung, 1 Jahr Grundlehrgang Bork, 1 Jahr Bereitschaftspolizei Bork, ein halbes Jahr Praxis  als „Oberwachtmeister im Einzeldienst“ in Essen, Anstellungslehrgang in Stukenbrock. Hauptwachtmeister. Fertig. Damals noch nicht volljährig, aber mit allen Möglichkeiten der staatlich legitimierten Gewaltanwendung ausgestattet - bis hin zum Schusswaffengebrauch.  Auf Familienfeiern, gab es immer eine Menge zu erzählen, besonders wenn es um die Besonderheiten von Schutzpolizei (S) und Kriminalpolizei (K) ging. Später kam mein Sohn Axel noch als Düsseldorfer Schutzmann hinzu.

Mein Vater Walter Klein (Bildmitte) mit Kollegen in der Schalker "Glückaufkampfbahn"

Mein Vater arbeite nach seiner Zeit im Einzeldienst auf der Sani-Stelle. Er betonte immer, dass das polizeiärztlicher Dienst hieße. Im Krieg war er Sanitäter bei der Marine auf der „Deutschland“ und mit ihr auch untergegangen. Die „Weyerlinge“ wurden in den einzelnen Behörden auf Polizeidiensttauglichkeit ärztlich untersucht und eingestellt. Bei einem schaute mein Vater großzügig über ein Handicap weg, weil der Bewerber im Polizeisportverein Handball spielte und sein Vater ebenfalls Polizist war. Manfred K. war nachtblind. An anderer Stelle berichtete ich davon, dass bei mir ein Zentimeter an der Mindestgröße fehlte. Auch dabei hatte mein Vater die Hände im Spiel. Er kannte den Kollegen der Sani-Stelle in Essen am Maßband sehr gut. Dem will ich jetzt aber keine Blindheit vorwerfen. Er hat eben großzügig geguckt.

Montag, 13. Dezember 2021

Vorher – nachher

1990 kamen wir mit jungen Cops in New York in lockerer Atmosphäre und Körperhaltung ins Gespräch. Auf dem ersten Foto zu sehen. Als ich ihnen ihren Gesprächspartner als den Essener Polizeipräsidenten („Police commissioner“) Michael Dybowski vorstellte, nahmen sie spontan stramme Haltung an. 

Info: Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1941) war von 1988 bis 2000 Polizeipräsident von Essen und danach bis zu seiner Pensionierung 2006 Polizeipräsident in Düsseldorf. Michael Dybowski ist der Polizei weiterhin eng verbunden. Er ist Vorsitzender des Vereins „Geschichte am Jürgensplatz e. V. – Verein zur Aufarbeitung der Düsseldorfer Polizeigeschichte“

Samstag, 11. Dezember 2021

"Rentnercops" rollen ungeklärte Morde auf

28 pensionierte Polizeibeamte im Alter von 62 bis 65 Jahren werden sich künftig mit ungeklärten Tötungsverbrechen („Cold Cases“) aus den letzten fünf Jahrzehnten befassen. Das Landeskriminalamt hat in NRW eine in Deutschland einmalige Einheit aufgestellt und jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt.Hier geht’s zur Pressemitteilung: https://www.im.nrw/cold-case-ermittler-beginnen-ihre-arbeit

Die erfahrenen Todesermittler - Foto: LKA NRW

Chef der neu gegründeten Einheit ist der Essener Kriminaldirektor Colin B. Nierenz. In einem Interview erklärt er, wie genau die Arbeit seiner pensionierten Polizeikollegen aussieht. Der 45-Jährige und dreifache Familienvater ist in Essen auch in anderer Funktion kein Unbekannter. Er ist Theologe, so genannter Prädikant oder Laienprediger, an der Essener Auferstehungskirche. Und so gehören Taufen, Hochzeiten und Kindergottesdienste zu seiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Aber auch Beerdigungen, wobei wir wieder bei der Hauptaufgabe von Colin B. Nierenz wären.  Hier geht’s zum Interview: https://lka.polizei.nrw/.../wir-suchen-nicht-alte-fehler...

Kriminaldirektor Colin B. Nierenz im Interview  - Foto LKA NRW

 

Montag, 6. Dezember 2021

Advent, Advent – Nr. 6 – Brasilien, Kolumbien, Indien

 

Ich lese gerne die letzte Seite meiner Tageszeitung. Da heißt es „Heute vor 50 Jahren…“ und stelle fest, dass die Welt immer schon ein bisschen aus den Angeln geraten war. Indien und Pakistan führten 1971 einen erbitterten Krieg. Die Schlagzeile in der NRZ: „Offener Krieg in Asien“

Damals existierten noch Westpakistan (heute Pakistan) und Ostpakistan (heute Bangladesch). Die hatten sich kriegerisch in der Wolle. Geographisch lag Indien genau dazwischen. Das schlug sich auf die Seite von Ostpakistan und griff im Westen an. In die Geschichte ging dieser Krieg 1971 als Bangladesch-Krieg ein. „Die Zahl der Todesopfer wird auf mindestens 300.000 bis zu 3 Millionen geschätzt. Es kam zu massenhaften Vergewaltigungen […] Laut Wikipedia wird die Zahl auf 200.000 geschätzt. „Es gab völkermordähnliche Massaker an Teilen der Zivilbevölkerung durch die Pakistanische Armee. Noch Jahrzehnte später wurden immer wieder Massengräber entdeckt.“ Ja, es wird nicht immer schlechter. Es war immer schon so.


Warum erzähle ich das? Weil ein Drittel der Kaffeeröstung am Nikolaustag aus Indien stammt (40 % Robusta und 60 % Arabica).

Wir haben zwar schon nach Mitternacht. Jetzt trinke noch eine Tasse dieser Mischung aus Brasilien, Kolumbien und Indien und gehe dann ins Bett. Tipp: Das soll wie ein Schlaftablette wirken. Zwischen Trinken und Zubettgehen darf allerdings nicht zu viel Zeit vergehen. Also, schnell: husch, husch ins Körbchen.

Meine Genussschulnote lautet am Nikolaustag:


 

Sonntag, 5. Dezember 2021

Advent, Advent – Nr. 5 – Papua Neuguinea

Heute wird es schwer. Der Türchen-Kaffee Nr. 5 kommt vom anderen Ende der Welt, der drittgrößten Insel nördlich von Australien. Papua Neuguinea. Dorthin dauert der Flug fast einen Tag. Der Name der Röstung gefällt mir allerdings: Café Libertad  - Kaffee Freiheit. Aber frei waren die Bewohner lange nicht. Denn in der Kolonialzeit bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es von Europäern, Australiern, Amerikanern und Asiaten die typischen Machtkämpfe auf Kosten der Ureinwohner. Die Deutschen waren auch mal dort aktiv. Mittlerweile ist Papua-Neuguinea eine parlamentarische Demokratie, aber die englische Königin hat immer noch den Hut, sorry Krone, auf. In dem Inselstaat mit 1400 kleinere Inseln drum herum, die teilweise zu Indonesien gehören, gibt es viele Volksgruppen mit sage und schreibe 839 Sprachen und Dialekten laut Wikipedia.

Wenn es den Menschen nicht gut geht, steigt die Kriminalität. So warnt auch das Auswärtige Amt Reiselustigen zur Vorsicht: „In Papua-Neuguinea kommt es immer wieder zu Unruhen, vor allem in Port Moresby, Lae, Mount Hagen und den Hochlandprovinzen und dort zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Clans.“

Einer der Exportgüter ist der Kaffee, der heute in meiner Tasse handaufgebrüht landete. Er ist sehr würzig, stark und nicht so mein Ding.

So gibt es heute am 2. Advent als Genussschulnote eine „Polizei-Zwei“, so die hieß zu meiner Zeit auf der Polizeischule, also:


 

 

Horst, Helmut, Richard und Pommes-Erwin

„Und aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen.“ Er schoss aus halbrechter Position von der Strafraumgrenze aufs ungarische Tor. Was folgte wissen wir. „Tooor! Toor! Toor! Toor!“, schrie Herbert Zimmermann ins Mikrofon.  Deutschland ist Weltmeister - 1954. Am vergangenen Freitag starb der letzte Fußballer der Mannschaft Horst Eckel im Alter von 89 Jahren.

Und gestern sah ich zufällig auf Seite 310 das Foto von Helmut Rahn in dem Buch „Achtung! Gruga an alle!“ meines Polizeikollegen Frank Kawelovski.

Helmut Rahn mit POW Richard Frohne irgendwo in Essen

Neben der Fußballikone von Rot-Weiss Essen, die uns nach dem Krieg durch seine beiden Tore das Wunder von Bern ermöglichte, sieht man auf dem Foto Polizeioberwachtmeister Richard Frohne Mitte der 1950er-Jahre.

Ihn lernte ich etwa 20 Jahre nach dem Aufeinandertreffen mit Helmut Rahn während meiner Ausbildung zum gehobenen Dienst in der praktischen Unterweisung bei der Kripo kennen. Richard war da schon Todes- und Brandermittler beim 1. Kommissariat. Er zeigte mir die schwierige und schmutzige Arbeit nach dem Brand einer Tennishalle in Kettwig, die bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Er zeigte auch seinen schönen Stadtteil Werden im Essener Süden und in der Mittagspause den Ort der besten Curry-Wurst im Dorf bei „Pommes  Erwin“ in der Grafenstraße.

Der junge Richard Frohne im Streifenwagen

Ironie des Schicksals. Genau hier wurde 1986 Erwin, den manche auch Porno-Erwin nannten, Opfer eines Raubmordes. Es war mein erster großer Medienfall in der neuen Funktion als Leiter der Pressestelle.

Das Grab von Richard Frohne  auf dem Bergfriedhof in Fischlaken
Und ab und zu besuche ich jetzt Richard auf dem Bergfriedhof in Fischlaken. Ich bin ihm immer noch dankbar, dass er mir diesen Teil im Stadtgebiet so nahe gebracht hat. Landschaftlich fast wie im Urlaub. Und das jetzt schon seit 40 Jahren. 

2009 erschienen - "Achtung" Hier Gruga an alle!"
 

 Kawelovski Eigenverlag (Buch) Infos: https://www.polizeigeschichte-infopool.de/

 

Samstag, 4. Dezember 2021

Advent, Advent – Nr. 4 – Kolumbien II

Die Kaffeeröstung im Adventskalendertürchen ist heute 100 % Kolumbien und 100 % Arabica. Und weil ich vor zwei Tagen auf die hohe Kriminalitätsquote und den Fußballspielermord in Kolumbien hingewiesen habe, leiste ich heute Abbitte und mach das Glas halbvoll.Es gibt einige Gründe, das südamerikanische Land als Tourist zu entdecken. In einem Reiseführer habe ich gelesen, warum man das südamerikanische Land unbedingt besuchen sollte.

Heute 100 % Kolumbien im Kaffeepott

Kolumbien heißt auch: auf den Spuren der Entdecker, freundliche Bevölkerung, Städte voller kultureller Reichtümer, bergische Anden und  Amazonas und - last but not least - ausgezeichneter Kaffee.

Das kann bestätigen, denn es gibt zum ersten Mal am 4. Tag  von mir die Genussschulnote:



Freitag, 3. Dezember 2021

Advent, Advent - Nr. 3 - Guatemala

Meine Barista-Reise geht weiter. Heute im Türchen, sorry Tütchen, befinden sich 13 Gramm „Café León aus Guatemala - 100 % Arabica“.

Was fällt mir eigentlich zu dieser Röstung ein? Spontan -  „León – Der Profi“ einer meiner Lieblingsfilme trotz Mord- und Totschlag und viel Knallerei, was eigentlich nicht so mein Ding ist. In diesem Streifen halte ich sogar zum sympathischen Auftragskiller, gespielt von Jean Renó, und seiner kleinen Freundin Mathilda (Natali Portman), die der bösen, koruppten New Yorker Polizei heftig einheizen. Und dann noch der Drehort in meiner Lieblingsstadt. Film-Schulnote: sehr gut.

G wie Guatemala ist gut bei dem Lernspiel „Stadt, Land, Fluss“. Griechenland weiß jeder, Guatemala bringt meist 20 Punkt ein.  Ein Wirtschaftsfaktor des kleinen Landes in Mittelamerika sind Bananen und, und? Richtig Kaffee.

Ich gebe der Kaffeeröstung zum 3. Advent die Genussschulnote mit einem großen +:



 

 

 

Der "Sex-Kommissar" - Hörenswerter Podcast

„In übler Erinnerung ist mir noch aus dieser Zeit der damalige Wachdienstführer unserer Dienstgruppe […], der mit seiner harten und zynischen Art die jüngeren Beamten in Angst und Schrecken versetzte. So war es für ihn Normalität, Jüngere, bei denen er etwa einen Fehler beim Fertigen der Straf- oder Unfallanzeige, auch vor den Ohren unbeteiligter Bürger anzuschreien und Übel zu beleidigen“, so beschrieb eine der ersten NRW-Kolleginnen 1982 einen Beamten der „Gerlingwache“ in dem Buch „Achtung! Hier Gruga an alle!“ von Frank Kawelovski.

Ich kann ihr nur beipflichten. Auch ich habe mit dem besagten Beamten auf „Berta“ Dienst versehen. Unser erstes Aufeinandertreffen 1971 war äußerst unangenehm. Er pöbelte mich –  damals 18 Jahre alt und Oberwachtmeister – lautstark an, weil ich ein goldenes Mehrkampfabzeichen an der Uniform trug. „Mach den Scheiß ab. Das will hier keiner sehen.“ Er war damals Polizeimeister und einer, der häufig für Unruhe sorgte. Ein richtiger Stinkstiefel.

In Abwandlung des Textes („Der Friederich, der Friederich…“) aus dem Struwelpeter hieß es damals unter uns: „Der Roderich, der Roderich, der ist ein wahrer Wüterich.“ Keiner wollte so recht mit ihm auf Streife fahren, denn er langte schon mal schnell zu, gelinde gesagt. 

Das Gebäude der alten "Gerlingwache" - heute Teil der Uni
So wurde er später zum Polizeioberkommissar übergeleitet und Wachdienstführer auf der Dienstgruppe von Monika Schumann. Dort hatte er das Sagen und nicht der eigentliche Chef, erzählte man in unseren Kreisen über Schutzbereichsgrenzen hinweg.

Der Oberkommissar bekam in den 90er-Jahren seine Strafe weg. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als so genannter Sex-Kommissar von den Medien bezeichnet ging er in die Polizeigeschichte ein. Vier Jahre Haft lautete das Urteil, weil er seine Macht als Bezirks- und Ermittlungsbeamter zu perversen, sexualisierten Handlungen an einer kranken Frau „auslebte“.

Monika Schumann: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich aufrichtig freute, als ich von seiner Festnahme hörte. Ein anderer Kollege: „Wir haben auf dem Flur getanzt, als wir hörten, dass er in den Knast muss.“

Über das Strafverfahren berichtet Stefan Wette in seinem Podcast „Der Gerichtsreporter“. Er war als junger Journalist Polizeireporter und schreibt seit mehr als drei Jahrzehnten Gerichtsreporter.

Dieser Beitrag ist wirklich hörenswert, teilweise skurril, wenn Stefan Wette den angeklagten „Polizeikommissar“ beschreibt. Dieser hat übrigens seine Taten nie zugegeben und deshalb die gesamten vier Jahre abgesessen.

 https://www.waz.de/podcast/gerichtsreporter/sex-statt-strafverfahren-id233915167.html

 

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Advent, Advent - Nr. 2 - Kolumbien

Heute gibt es die eine spezielle Kaffee-Weihnachtsröstung aus Brasilien und Kolumbien – 100 Prozent Arabica. 

Kolumbien? Da sind wir ja schon wieder bei Sicherheitsfragen und Kriminalität. Das Land in Südamerika mit knapp 60 Millionen Einwohnern ist nicht nur für seinen Kaffee bekannt, sondern geriet auch immer wieder durch die hohe Kriminalitätsrate in Schlagzeilen. Ich erinnere mich noch an den Mord vom Fußballnationalspieler Andrés Escobar, der nach seinem Eigentor bei der Fußballweltmeisterschaft im Spiel Kolumbien gegen die USA 1994 nach seiner Rückkehr in das Heimatland erschossen wurde. Der Täter war Fahrer und Bodyguard von einem Drogenboss. Die Glückspielmafia soll hinter dem Auftragsmord gestanden haben. Auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes wird nach wie vor vom Besuch gewisser Städte und Regionen Kolumbiens abgeraten. 

 
Da wenden wir uns doch lieber wieder den schönen Dingen des Landes zu. Zum Beispiel dem Kaffeeanbau. Rund 15 Prozent der Exporterlöse erzielt Kolumbien durch Kaffee. Früher waren es noch mehr. Vor 30 Jahren war Kolumbien nach Brasilien noch weltweit der zweitgrößte Exporteur.

In meinem heutigen Advents-Tütchen Nr. 2 kommt es dann zur Vereinigung der beiden Nachbarländer. Den Becher auf dem Foto habe ich von meinen mazedonischen Freunden geschenkt bekommen. Er hat den größten Henkel all meiner Kaffeebecher. Ob die Menschen in dem kleinen Balkanland so große Hände haben? 

Das Test-Ergebnis der heutigen Weihnachtsröstung Nr. 2 (Kolumbien/ Brasilien - Arabica). Sie ist verdammt lecker. Meine Genussschulnote deshalb:


 

 

 

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Advent, Advent - Kaffeduft durch unser Haus

Zugegeben ich bin eine Kaffeetante. Schon in frühester Jugend trank ich gerne das dunkle Getränk. Damals noch mit Milch und Zucker. Heute lediglich mit Milch oder aufgeschlagener Sahne. Meine Mutter erzählte gerne davon. Auch als ich einmal die Kaffeetasse auf der Küchenbank sitzend mit den Füßen umwarf. Ich muss da noch sehr klein gewesen sein.

Später auf der Polizeiwache lief die Kaffeemaschine die gesamte Schicht. Dafür wurde zu Beginn immer jemand bestimmt. Als Geschmacksverstärker kamen noch LORD, HB, Ernte 23, für die ganz Harten Reval ohne Filter und für die Superharten Gauloises, dazu. Polizeimeister Clemens B. rauchte HB („Wer wird denn gleich in die Luft gehen?") in der großen Geschenkpackung im Hartkarton. Die weiße unbedruckte Rückseite diente ihm als Notizblock. Er bekam sogar eine Unfallskizze darauf. Aber nur solange bis jemand mal die leere Packung entsorgte, damit auch seine behördlichen Aufzeichnungen der "Gerlingwache". Zurück zum Kaffee.

1.12.2021 - Selección Especial (bio)

Gestern bekam ich von meiner Tochter Nina einen ganz besonderen Adventskalender. Jedes Türchen oder in diesem Fall Tütchen enthält eine andere Kaffeesorte. Darauf steht: „Nächstenliebe. Wärme. Genuss. Mit diesem Kalender unterstützt du die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Diese haben alle 24 Sorten mit Liebe in handwerklicher Arbeit schonend geröstet.“ So ist sie, unsere Nina. Immer die Welt rettend.

Ab heute werde ich bis Weihnachten zum Barista ausgebildet. Am ersten Tag – natürlich wie immer frei nach meiner „Omma“ Lina handaufgebrüht - gab es SELECCIÓN ESPECIAL (BIO) aus Honduras & Neugiuinea – 100 Prozent Arabica. Meine Genussschulnote am ersten 1. Advent:


 Ich brauche ja noch Luft besser Kaffeduft nach oben. Bis morgen.