Dienstag, 6. September 2022

Olympische Spiele 1972 in München

 Polizistin Anneliese Graes - eine wenig  bekannte Heldin in dem Drama.

Es war ein Versagen der bayrischen Sicherheitsbehörden auf der ganzen Linie. Vom Schutz der israelischen Olympia-Mannschaft über die dilettantische Befreiungsaktion bis hin zur Kommunikation. Und so entstand die Titelseite der NRZ am 6.9.1972. Wie wir wissen, kamen alle israelischen Geiseln und der Polizist Anton Fliegerbauer sowie fünf der palästinensischen Attentäter ums Leben. 

Titelseite der NRZ vom 6.9.1972

Viele Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützen während der Spiele die bayrische Polizei. Darunter auch waren mein Vater und die Essener Polizistin Anneliese Graes.

Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes - rechts Polizeipräsident Hans Kirchhof
Was viele nicht wissen, dass sie die Verhandlungen mit dem Geiselgangster vor der Wohnung der israelischen Mannschaft im olympischen Dorf führte, weil sie so gut Englisch sprach. Sie soll sogar zum dem Anführer gesagt haben: „Was soll dieser Unsinn?“ Die damals 41-jährige Kriminalhauptmeisterin, die beim 2. Kommissariat (Sexualdelikte) Dienst versah, hat sich sogar als Austauschgeisel angeboten. Dafür bekam sie 1974 das Bundesverdienstkreuz. Anneliese Graes war ein bescheidene und pflichtbewusste Polizistin. 

Kurz vor ihrer Pensionierung ließ sie sich jeden Tag schwerkrank mit dem Taxi ins Polizeipräsidium fahren. In der gestrigen Dokumentation über das Attentat war sie kurz im Film zu sehen.

1976 erschien der Film „Die 21 Stunden von München“ mit Franco Nero, der den Anführer Issa spielte. Anneliese Graes war für die amerikanische Filmproduktion als Beraterin tätig. Genau 20 Jahre nach dem Attentat starb die Essener Polizistin

Als Hostess bei den Spielen - Im Gespräch mit Anführer

 

Samstag, 3. September 2022

Mein Onkel...

 ... feierte jetzt seinen 97. Geburtstag. Über ihn hatte ich schon im Blog berichtet (siehe unten).

Oswald Distelrath, der jüngere Brüder meiner Mutter, Geburtsjahr 1925, in jungen Jahren im Krieg als blutjunger Offizier mit 18 Jahren ("Ich weiß, was Krieg bedeutet") Zeuge von Tod, Gräueltaten, russische Gefangenschaft und Rückkehr ins Ruhrgebiet mit sage und schreibe 36kg Lebendgewicht, überzeugter Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Die einzige berufliche Enttäuschung. Onkel Oswald war auf dem Sprung zum Oberstadtdirektor in Wanne-Eickel. Die Eingemeindung nach Herne verhinderte diese Verwaltungskarriere. In einem Artikel aus den 1960er Jahren wird er wie folgt beschrieben: "Der Chef des Personal- und Hauptamtes, pflegt eine sehr, verbindliche, eher unpreußische Art. „Das gute Verhältnis der Mitarbeiter untereinander und das Vermeiden eines Mauerbaus zwischen den hierarchischen Ebenen hält Oswald Distelrath für den wichtigsten Grundsatz, wenn eine Stadtverwaltung gut funktionieren soll. Er findet, ein gutes Betriebsklima, strahlt letztlich auch auf den Umgang mit dem ratsuchenden Bürger.“ 

Onkel Oswald und Neffe Uwe auf der Geburtstagsfeier

Bis heute ist mein Lieblingsonkel an der aktuellen Politik interessiert : "Jeden Tag Zeitung lesen, drei Mal Nachrichten hören oder sehen und - wenn möglich - eine Talkshow im Fernsehen schauen." Er ist mein "Helmut Schmidt", gepaart mit Wissen und Lebenserfahrung, also Weisheit.  Nach der Trennung von seiner Frau, lebte er in Partnerschaften mit zwei Frauen, die leider starben. Aber Onkel Oswald wäre nicht Onkel Oswald. Er ist wieder in einer festen Lebenspartnerschaft mit Christa (82). Aber der große Altersunterschied ist kaum bemerkbar. Hoffentlich erlebe ich ihn noch viele Jahre. 

 http://ausserdienst.blogspot.com/2015/08/superrentnersuperonkel.html

 http://ausserdienst.blogspot.com/2018/03/gesprache-mit-oswald.html

http://ausserdienst.blogspot.com/2020/04/was-ware-wenn.html


Sonntag, 14. August 2022

Auf „Rattenjagd“ - Polizeireporter Dieter Klein gestorben

 

Am Freitag starb  Dieter Klein (83) nach schwerer Krankheit. Er war zwar kein Polizist, aber der Polizei eng verbunden. Deshalb wurde er auch in die Familie der International Police Association (IPA) aufgenommen. Der gebürtige Kölner war ein klassischer Polizeireporter, den es heute so nicht mehr gibt.  Fotojournalist, Redakteur, freier Mitarbeiter bei der Neuen Rhein Zeitung (NRZ), dem Verlag DuMont und dem Axel-Springer-Verlag.

Für seine Recherchen über Kriminalität war Dieter in Hamburgs Vergnügungs- und Rotlicht-Viertel St. Pauli ebenso präsent wie an internationalen Schauplätzen des Verbrechens. Bis nach Fernost und Südamerika führten ihn seine Reportagen über weltweit operierende Drogensyndikate. Spektakuläre Mordfälle brachten ihn unter anderem nach St. Petersburg, Zürich und Paris. Auf der Suche nach Wirtschaftskriminellen verschlug es ihn bis in die Karibik. Seine Reportagen verschafften ihm Anerkennung in höchsten Polizeikreisen wie Respekt in der Unterwelt. Mehr als zwei Dutzend Morddrohungen im Laufe der Jahre erwiesen sich glücklicherweise nur als Bluff. Einmal wurde er jedoch angeschossen. Mit einer Walther PPK, Kaliber 7,62 Millimeter. Seit 2001 lebte der Journalist mit seiner Ehefrau Erika in Nottuln bei Münster und arbeitete hier freiberuflich und im höheren Alter für die westfälischen Nachrichten.

Dieter Klein bei einer Buchlesung 2015 im Polizeimuseum

Der Journalist schrieb seine Erlebnisse in dem Buch „Auf Rattenjagd“ nieder, mit Episoden wie: Tot in Bremen – Rattenjagd – Die Legende – Schnee vom Großmarkt – Belgische Pistolen – Mit falschen Würfeln – Die Toten vom Kiez – Die Mörder aus Russland - Andere sind bestechlich- Singen kann ungesund sein - Unter Mordverdacht - Der Tote aus der Seine - Mit Millionen in die Karibik - Jerusalemer Bomben - Die Hölle von Zürich.

Aber warum faszinierte ihn so die Polizeiberichterstattung, warum wurde der Rheinländer vom Provinzreporter, der über Goldhochzeiten, Firmenjubiläen oder Vereinsfeiern berichtete, zum knallharten Polizeireporter bei der „Bild am Sonntag“?  Er gibt die Antwort selbst. Nach dem Tod eines jungen Drogenmädchens in Bremen: „Bei ihrer Beerdigung auf einem kleinen Dorffriedhof im Emsland ging nur die Mutter hinter dem weißen Sarg her. Als die Erde von meiner Schaufel in die Tiefe polterte, schwor ich mir. Ab heute machst du Jagd auf diese Gangster. Und weil mir nichts Übleres einfiel, nannte ich es „Rattenjagd“. Eine Rattenjagd mit Feder und später mit Laptop.

1989 - Dieter Klein ganz links im Bild mit Essener Polizisten auf der Kettwiger Straße

 Ausschnitt aus der Geschichte  „Die Toten vom Kiez“. Dieter Klein schreibt über die sogenannte GMBH von der Reeperbahn. Gemeint sind die Zuhälter:  G-erd Glissmann, M-ichael Luchting  („der schöne Mischa“), B-eatle Vogler und H-arry Vörthmann man (wegen seines Schrumpelkopfes von seinen Gegnern auch als der Hundertjähriger verspottet). Ein Quartett von Rolls-Royce-Piloten und Rolex-Uhr-Besitzern. Zuhälter. Kurz in Insiderkreisen GMBH genannt.   

"In diesem Moment kommt ein Mann mit einer schwarzen Lederjacke in die „Ritze“ (Anm.: legendäre Kneipe auf St. Pauli mit Boxring im Keller), dem Aussehen nach ein Türke oder auch Jugoslawe. So um die Mitte 30, durchschnittlich groß mit mittellangen dunklen Haaren. Mürrisch blickt er in die Runde, dann bestellt er sich ein Bier. […] Erst jetzt zeigt eine der Kellnerinnen kichernd auf die hochhackigen Schuhe des Fremden. Den kümmert es nicht. Scheinbar gleichgültig schaut er zu, wie in diesem Augenblick der Lude Fritz Schröer, auch Chinesen Fritz genannt, aus dem von ihm gemanagten Etagenbordell kommt und sich gleich neben seinen Freund Peter hockt.  […] Der Fremde ist plötzlich nähergetreten. So schnell, dass wir alle erst reagieren, als er plötzlich einen Revolver zieht. Auf „Chinesen Fritz“ zielt und abdrückt. Drei Schüsse peitschen in der „Ritze“. Der Chinese rutscht von der Bank. In Zeitlupe. Das Gesicht staunend und schmerzvoll verzerrt, als ob er den Tod nicht erwartet hat.  Zumindest jetzt noch nicht.  Doch nicht hier.  So in aller Öffentlichkeit. Noch bevor er den Boden ganz erreicht, ist ihm wohl klar, dass er Hamburg für immer verlassen muss. Blut quillt aus den Fingern, die er in seine Brust gekrallt hat. Hysterisches Geschrei zerreißt die Stille. Die Bordelldamen schreien noch,  als schon die ersten Polizisten aus der Davidwache angerauscht kommen.“

Dieter Klein habe ich in den Ende der 1980er-Jahre beruflich kennenglernt. Da schrieb er hier im Ruhrgebiet eine Reportage für die BILD über die „Fahndung und Einsatztrupps zur Kriminalitätsbekämpfung“ der Essener Polizei. Er brannte für seine Arbeit und für die Polizei. Und da er wie mein Bruder Dieter Klein hieß, entwickelte sich eine Verbundenheit. Er der Polizeireporter, ich der Chefsprecher der Polizei. Im Ruhestand zog er mit seiner späten Liebe Erika ins Münsterland. Jetzt nach seinem Tod  kann er seine unglaublich spannenden Geschichten erzählen, wer immer ihm auch zuhört. Vielleicht ist ja einer von der Hamburger Kiez-GMBH.

Donnerstag, 11. August 2022

Diether Krebs wäre heute 75 Jahre alt geworden - woher stammt das H im Vornamen?

 

Der Song „Currywurst“ wird immer Herbert Grönemeyer zugeschrieben. Die wenigsten wissen aber, dass der Text  von Diether Krebs und dem Mitautor Horst-Herbert Krause stammt. Ein echtes Stück Ruhrgebiet. „Biste richtig down, brauchste wat zu kau'n – ‚ne Currywurst…“

Diether Krebs  11.8.1947 - 4.1.2000

Aber bekannt wurde Diether Krebs durch seine Schauspielerei und sein Hang zum Komischen. Im „Ein Herz und eine Seele“ spielte er den sozialdemokratischen Schwiegersohn von Alfred Tetzlaff („Du dusselige Kuh…“), später in Soko 5113 einen Ermittler. Der Durchbruch gelang dem Essener, der sein Schauspiel auch auf der renommierten Folkwang Universität der Künste lernte,  aber wohl als Komödiant in „Sketchup“ und „Rudis Tagesshow“. Es folgten ganz viele Rollen, auch ernste. In bester Erinnerung ist sein letzter Film, als er schon todkrank war: „Bang Boom Bang“, wobei wir wieder im Ruhrpott wären.

Diether Krebs starb im Alter von nur 52 Jahren. Er liegt auf dem Essener Ostfriedhof zusammen mit seiner Ehefrau Walburga Bettina, mit der er seit 1979 verheiratet war. Die Bescheidenheit der Beiden drücken die kleinen Findlinge auf dem Familiengrab aus. Das Ehepaar hinterließ zwei Söhne.

Bettina Freifrau von Leoprechting Krebs 28.11.1947 - 6.4.2006

Ganz in der Nähe und in Sichtweise der Grabstätte des Ehepaars Krebs liegt auch die letzte Ruhestätte von seinem Patenonkel Diether Posser, ehemaliger NRW-Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident. Jetzt wissen wir auch, woher das H in seinem Vornamen stammt. Der SPD-Politiker gehörte in der Hochzeit des RAF-Terrorismus zu den gefährdeten Personen. Ich kenne ihn aus meiner polizeilichen Tätigkeit als Personenschützer.

Grabstätte der Familie Diether Posser