Dienstag, 29. September 2026

Stolpersteine erinnern an die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus

 

Der Stolperstein im Pflaster vor dem Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer ist ein besonderer Erinnerungsort. Die inzwischen verblasste Inschrift lautet:   

 Gedenken an die Opfer der Zwangsarbeit 1940 – 1945

Ausgenutzt und ausgebeutet in der Kriegswirtschaft

Polizeigefängnis Gelsenkirchen-Buer

Von hier aus begann für viele unbekannte Menschen

Der Weg in den Tod  

Stolperstein in Gelsenkirchen-Buer vor dem Polizeipräsidium

Mein Vater arbeitete nach dem Krieg im 1926 erbauten Polizeipräsidium. Meine Brüder und ich wuchsen in der nahe gelegenen „Polizeistadt“ auf. Das Präsidium mit den Außenflächen war für uns Polizeikindern ein Spielplatz. Für viele Menschen mit anderem Glauben oder Ideologien vor uns ein Ort des Grauens. 

Das Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer

Über die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus wurde damals nicht gesprochen. Man schwieg. Erst viel später wurde öffentlich bekannt, dass Polizeikräfte mit unterschiedlichen Einheiten am millionenfachen Mord beteiligt waren. Selbst als ich 1969 in den Polizeidienst eintrat, verlor kein Ausbilder ein Wort über diese dunkle Seite der Geschichte. Einige von ihnen waren womöglich noch selbst beteiligt.

Ein Stolperstein auf dem Schulhof des Werdener Gymnasiums erinnert an Felix Steeg, der in Essen-Werden lebte. Im Alter von 41 Jahren kam er in sogenannte Schutzhaft und wurde in das Polizeigefängnis gebracht. Der Grund: Felix Steeg war Deutscher jüdischen Glaubens. Das allein genügte den damaligen Machthabern. Angeblich nahm er sich in der Haft das Leben. An dieser Darstellung bestehen jedoch Zweifel. Viele Inhaftierte starben an den Folgen von Misshandlungen und Folter; andere wählten den Freitod, um weiteren Qualen zu entgehen.

 

Stolperstein In Essen-Werden

Heute ist bekannt: Polizeieinheiten waren an der Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen durch die NS-Diktatur beteiligt.

Erster Polizeihauptkommissar Martin Wilhelm bringt es vor und im Polizeipräsidium Recklinghausen auf den Punkt: „Wir befinden uns an einem Tatort!“ Ein Tatort – obwohl wir vor einem Polizeigebäude stehen, einem Ort, der eigentlich für Schutz und Hilfe stehen sollte. Ein Blick über den Eingang verweist auf die Geschichte: Das Präsidium wurde 1926/27 erbaut. Sechs Jahre später machte das nationalsozialistische Regime die Polizei zu einem Teil seines Verbrechenssystems. Aus Freunden und Helfern wurden Täter. In dem Gebäude arbeiteten damals nicht nur reguläre Polizeibeamte, sondern auch Angehörige der Geheimen Staatspolizei. Ihr Leiter war Kriminalrat Wilhelm Tenholt, ein überzeugter Nationalsozialist, der als besonders brutal galt.        

 Stolperstein In Recklighausen

Erschütternd ist eine Begebenheit aus dem zweiten Obergeschoss, in dem die Gestapo residierte. Menschen jüdischen Glaubens, Kommunisten und andere politische Gegner, die nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten, wurden dort verhört und misshandelt. Einige mussten sich über einen Bock legen und wurden mit Peitschen, Knüppeln, Stahlruten und Ochsenziemern bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Einer der Gefolterten ertrug die Qualen nicht mehr und sprang aus dem dritten Stock. Schwer verletzt blieb er im Innenhof liegen. Kriminalrat Tenholt ging hinunter und trat auf den Bewusstlosen ein. Dabei soll er gesagt haben: „Die Kommunistensau lebt ja noch.“ Der Mann starb später im Krankenhaus. 

 

 Polizeipräsidium in Recklighausen

Ähnliche Berichte gibt es aus anderen Polizeipräsidien. Der Stadthistoriker Dr. Ernst Schmidt schildert in seinem Buch „Lichter in der Finsternis – Widerstand und Verfolgung in Essen 1933–1945“ einen vergleichbaren Fall aus Essen.

Das historische Polizeigebäude in Recklinghausen bleibt voraussichtlich auch künftig erhalten. In Essen, Bochum, Mülheim und Duisburg hingegen geben die Polizeibehörden ihre „Tatorte“ auf. Mit dem Auszug verschwinden nicht nur authentische Orte aus dem Behördenalltag, sondern auch wichtige Bezugspunkte für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Und das ist gerade für Polizeibeamte so wichtig.

 

Information Stolpersteine:

Die Stolpersteine sind ein Kunst- und Erinnerungsprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Sie erinnern an ausgewählten Orten an Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Meist werden die Steine vor den früheren Wohnhäusern oder Wirkungsstätten der Opfer verlegt. Mit mehr als 100.000 Steinen in zahlreichen europäischen Ländern gelten sie als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

 

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