Dienstag, 27. Oktober 2026

NS-Verbrecher machte bei der Essener Polizei Karriere

Mit freundlicher Genehmigung der Funke Medien Gruppe (WAZ und NRZ) veröffentliche ich diesen Artikel vom 3.10.2026 in der Online-Version von Christina Wandt. 

 Artikel im Lokalteil der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und Neue Ruhr Zeitung (NRZ) vom 9.102026 – online 08.10.2026

https://www.nrz.de/lokales/essen/article413300392/vorbildlicher-charakter-ns-verbrecher-machte-bei-der-essener-polizei-karriere.html

 

 

Hans Hartung

Der Essener Hans Hartung war während des Zweiten Weltkriegs Gestapo-Chef im norwegischen Bergen. Hier ist er offenbar in Felduniform vor Kapitän Tiedemann an Bord eines Gestapo-Schiffs im Jahr 1942/43 zu sehen (roter Kreis). © Bergensavisen

 

Brutale Foltermethoden:

 „Vorbildlicher Charakter“: NS-Verbrecher machte bei der Essener Polizei Karriere

Hans Hartung war im Zweiten Weltkrieg Gestapo-Chef im norwegischen Bergen und im französischen Grenoble. Danach kam er bei der Essener Kripo unter – obwohl er gesucht wurde.

Der Essener Hans Hartung war während des Zweiten Weltkriegs Gestapo-Chef im norwegischen Bergen. Hier ist er offenbar in Felduniform vor Kapitän Tiedemann an Bord eines Gestapo-Schiffs im Jahr 1942/43 zu sehen (roter Kreis). © Bergensavisen | Bergensavisen

 Von Christina Wandt, Stellv. Redaktionsleiterin WAZ Essen

08.10.2026, 17:58 Uhr

Er war ein NS-Verbrecher, wurde in Frankreich in Abwesenheit wegen Beihilfe zum Mord zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt: Und doch konnte der frühere SS-Hauptsturmführer Hans Hartung nach dem Krieg bei der Essener Polizei Karriere machen. Der Ermittlungseifer in eigener Sache war damals offenbar wenig ausgeprägt, Korpsgeist und Komplizenschaft taten ein Übriges

 Norwegischer Journalist löst Rätsel um untergetauchten Gestapo-Chef

Olav Sundvor

Den hartnäckigen Recherchen des norwegischen Journalisten Olav Sundvor ist es zu verdanken, dass der Fall fast ein halbes Jahrhundert nach Hartungs Tod bekannt wird. Der 57-jährige Sundvor arbeitet für die Zeitung „Bergensavisen“ in Bergen, ist Kriminalreporter mit leidenschaftlichem Interesse für Geschichte. Bild: © Olav Sundvor

Als solcher hat er seit 2015 über die Geschehnisse im sogenannten „Gestapo-Haus“ in seiner Heimatstadt recherchiert. Das Gebäude mit der Adresse Veiten 3 dient heute als Gedenkstätte und Museum, im Zweiten Weltkrieg war es Hauptquartier der deutschen Sicherheitspolizei (SiPo) und des Sicherheitsdienstes (SD); ausgestattet mit einem Hausgefängnis. Ab April 1942 war dies der Arbeitsplatz von Hartung.

Zur Person Olav Sundvor

Olav Sundvor (57) arbeitet seit 1991 hauptberuflich als Journalist. Die vergangenen 25 Jahre war er als Kriminalreporter bei der norwegischen Tageszeitung „Bergensavisen“ (BA) in Bergen tätig. Heute ist er dort verantwortlich für die Berichterstattung über Justiz und Polizei. Neben seiner Arbeit als Kriminalreporter schreibt er seit 2015 regelmäßig über lokale Themen der norwegischen Kriegsgeschichte. Sundvor hat ein leidenschaftliches Interesse für Geschichte und vor seinem Einstieg in den Journalismus Geschichte an der Universität Bergen studiert.

Auf den Essener Polizeibeamten Hans Hartung ist er im Laufe seiner Recherchen zu einem Gebäude gestoßen, das in Bergen bis heute als „Gestapo-Haus“ bezeichnet wird. Immer wieder sei der Name „Hartung“ in norwegischen Ermittlungsakten der Nachkriegszeit aufgetaucht. Die inzwischen verstorbene, renommierte norwegische Historikerin Berit Nøkleby habe vor gut 20 Jahren das Standardwerk „Gestapo: Tysk politi i Norge 1940–1945“ geschrieben. Darin merkte sie zu Bergen an, dass die Führung der Gestapo kaum zu rekonstruieren sei, da Hans Hartung spurlos in Deutschland verschwunden sei. Sie habe keinerlei Informationen über ihn, außer seinem Namen und dem Rang SS-Hauptsturmführer.

„Das hat meinen Ehrgeiz geweckt: Ich wollte unbedingt herausfinden, wer dieser Mann war“, sagt Olav Sundvor. Nach ersten kleinen Spuren im Internet habe er sich tief in verschiedene norwegische und deutsche Archive eingearbeitet, auch lokal in Essen. Eine große Hilfe seien dabei die digitalisierten Adressbücher gewesen. „Es war ein riesiges Puzzlespiel – aber heute weiß ich über Hartung vermutlich mehr als über jeden anderen der rund 50 SiPo-/Gestapo-Mitarbeiter, die während der Kriegsjahre in Bergen stationiert waren.“

Hans HartungD

Der wurde 1903 in Essen geboren und auf den Namen Johannes Albert Hartung getauft. Seit 1923 arbeitet er als Polizist. Er heiratet, wird Vater. Der Sohn stirbt bald nach der Geburt, ein Jahr später verliert Hartung auch seine Frau. So knapp lassen sich die vorhandenen Daten aus seinen jungen Lebensjahren zusammenfassen. Bild: © Bergensavisen

Bekannt ist auch, dass Hartung wie andere Kriminalbeamte 1936 in die drei Jahre zuvor gegründete Geheime Staatspolizei versetzt wird. Die „Gestapo“ hat die Aufgabe, politische Gegner des nationalsozialistischen Regimes einzuschüchtern und auszuschalten. Sie sollte sich zu einem brutalen Instrument des Verfolgungsapparats entwickeln, koordinierte später die Judendeportationen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager. Ihre schlimmsten Verbrechen beging die Gestapo während des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) in den besetzten Gebieten.

Der SS-Hauptsturmführer Hans Hartung führt üble Foltermethoden ein

Hartungs Biografie zeichnet diese Entwicklung gleichsam nach: 1940 geht der junge Witwer zum Kriegsdienst ins besetzte Norwegen, zunächst ins Gestapo-Hauptquartier nach Oslo. Als „Abschnittsleiter der Abteilung D“ ist er in der Hauptstadt für Funksachen und Beschlagnahmen zuständig. In Oslo heiratet er auch die 18 Jahre jüngere Kläre „Klärchen“ Kornatz.

1942 wechselt Hartung als Operativer Leiter der dortigen Gestapo in die Dienststelle Veiten 3 in Bergen. Und entwickelt sich nach den Recherchen Olav Sundvors spätestens dort zum so effizienten wie kaltblütigen Werkzeug der NS‑Vernichtungsmaschinerie. „Der Name Hartung tauchte in den Ermittlungsakten nach dem Krieg immer wieder auf“, schreibt der Journalist, der in aufwendigen Archiv-Recherchen ein Bild von Hartungs Zeit in Bergen rekonstruierte.

Hans Hartung

„Er führte die brutalsten Foltermethoden ein, wie das Aufhängen von Gefangenen und Schläge mit Gummiknüppeln“, schreibt Sundvor. „Doch sein dunkelstes Kapitel in Bergen betraf die bürokratische und eiskalte Präzision, die er bei der Deportation der norwegischen Juden an den Tag legte.“ Als Gestapo-Chef habe Hartung hier die Führung innegehabt. Bild: © Bergensavisen

 Für die Juden aus Bergen ist es das Todesurteil – für ihn ein reiner Verwaltungsakt

In einem Vernehmungsprotokoll, das der Journalist aufgetan hat, schildert ein Inspektor der norwegischen Staatspolizei, wie er versucht habe, Einzelpersonen aus der Gestapo-Haft freizubekommen. So habe er Hartung gebeten, eine schwangere Frau gehen zu lassen, die ärztliche Hilfe benötigt habe. Der Gestapo-Chef habe schließlich mit der zynischen Bemerkung nachgegeben: „Ja, ja. Auf einen Juden mehr oder weniger kommt es wohl nicht an.“ Bald darauf habe er das Schicksal der übrigen jüdischen Bürger von Bergen besiegelt, die nach Oslo und von dort nach Auschwitz deportiert wurden: Für die Menschen ein Todesurteil, für Hartung eine „reine Verwaltungsaufgabe“, notiert Sundvor.

Ein gutes Jahr später, zum Jahreswechsel 1943/44, verschwand Hans Hartung aus Norwegen. Er selbst sollte später behaupten, er sei wegen eines schweren Bandscheibenvorfalls für den weiteren Dienst im kalten Norwegen als medizinisch untauglich erklärt worden. Seine Vorgesetzten in Berlin hätten ihn jedoch als „dienstfähig für Frankreich“ eingestuft.

Wegen seiner „brutalen Effizienz“ wird der Essener auf die Résistance angesetzt

Hans Hartung

Das Bild stammt von Jean-Marc Delaporte (78), dessen Großvater Sylvain Boursier ab 1940 in der Résistance war. Nach den Angaben von Delaporte marschiert der damalige Gestapo-Chef Hans Hartung hier in der ersten Reihe mit. Im Hintergrund sehe man das Gestapo-Gebäude in Bergen: Am äußersten linken Bildrand weht eine Hakenkreuz-Fahne. Bild: © Jean-Marc Delaporte | JMD

In Wirklichkeit habe hinter der Versetzung ein „dunkles Kameraden-Netzwerk“ gesteckt, sagt Olav Sundvor: Der berüchtigte SS-Sturmbannführer Dr. Werner Knab habe Hartung aus seiner Zeit beim Oberkommando in Oslo gekannt und sich an dessen „brutale Effizienz“ erinnert. Knab, der inzwischen in Frankreich Chef von Sipo und SD für die Region Lyon war, habe den Essener angefordert. So sei dieser Gestapo-Chef von Grenoble geworden. An seinem neuen Einsatzort organisiert er den gnadenlosen Terror gegen die französische Widerstandsbewegung. Bei einem Angriff von Partisanen auf sein Auto außerhalb von Grenoble sterben im Juni 1944 vier seiner Gestapo-Kameraden. Hartung überlebt schwerverletzt.

Erst überlebt er ein Attentat, dann kann er fliehen und untertauchen

In den folgenden Jahren soll es ihm auch gelingen, der großangelegten französischen Fahndung zu entgehen. Der nur 168 cm große NS-Verbrecher mit dem Äußeren eines Biedermannes flieht 1945 aus Frankreich und taucht in Deutschland offenbar als einfacher Arbeiter unter. Tatsächlich steht er damals schon wegen seiner Taten in Bergen und Grenoble auf einer Fahndungsliste der Alliierten (Crowcass). Trotzdem kann er sechs Jahre später an sein altes Leben anknüpfen, als wäre nichts geschehen.

„Im Jahr 1951 war ein neues, umstrittenes Gesetz in Westdeutschland auf dem Weg. Es gab Nazis das volle Recht, ihre Positionen zurückzuerhalten“, schreibt Olav Sundvor. Tatsächlich sah das sogenannte „131er“-Gesetz vor, dass bis auf die in den Entnazifizierungsverfahren als Hauptschuldige oder Belastete eingestuften Beamten alle anderen als „Beamte auf Wiedereinstellung“ gelten sollten.

Der NS-Verbrecher setzt nach dem Krieg seine Karriere bei der Essener Polizei fort

Hans Hartung

Der Personalbogen von Hans Hartung aus dem Landesarchiv NRW. © Bergensavisen

Die Essener Polizei, die erst durch Sundvors Artikel vom Fall Hartung erfahren hat, bestätigt auf Anfrage: „Nach unseren Recherchen beantragte Hans Hartung nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen im Jahr 1951 seine Wiedereinstellung in den Polizeidienst.“ Mit Erfolg: Er sei zum 1. September 1951 bei der Polizei Duisburg in den Dienst übernommen worden und habe bald darauf die Versetzung an seinen Wohnort Essen beantragt. „Diesem Antrag wurde stattgegeben; seinen Dienst beim Polizeipräsidium Essen trat er zum 1. Februar 1952 an.“

Das darf als überraschend gelten, zumal er sich unter seinem echten Namen beworben hatte. Mehr noch: „In den Anstellungsunterlagen lagen die Informationen über seine Vergangenheit in der Gestapo und seinen Dienstgrad völlig offen da“, schreibt Olav Sundvor. Hartung habe gar nicht lügen müssen, die Behörde habe seine Vergangenheit akzeptiert.

Vorgesetzter behauptet, Hartung habe keinerlei Förderung durch die NSDAP erhalten

„Warum genau Hartung im Jahr 1951 unter seinem realen Namen wieder in den Polizeidienst eingestellt wurde, konnte bisher noch nicht abschließend geklärt werden“, formuliert Polizeihauptkommissar Matthias Werk, Pressesprecher der Essener Polizei.  Bild: © FUNKE Foto Services | Sophia Becker

Aussagekräftige Dokumente habe man dazu in der Personalakte nicht gefunden. Möglich sei, dass Hartung, der angab, er sei zwischenzeitlich Bauarbeiter gewesen, unter falschem Namen am Entnazifizierungsverfahren teilgenommen habe. Beweise dafür gebe es nicht. „Dies erscheint jedoch in Anbetracht einer möglichen Kategorisierung als Haupttäter naheliegend.“

Einen interessanten Hinweis hat die Essener Polizei bei ihren jetzigen Nachforschungen gefunden: Im Zusammenhang mit Hartungs Versetzung von Duisburg nach Essen habe eine Führungskraft dessen frühere berufliche Laufbahn im Polizeidienst bestätigt. „In seiner Erklärung führte der Vorgesetzte außerdem aus, Hartung habe keinerlei Förderung durch die NSDAP erhalten. Diese Erklärung wollte der Vorgesetzte nach seinen Angaben auch an Eides statt abgeben.“

Diese Reinwaschung des früheren Gestapo-Chefs von Bergen und Grenboble dürfte wohl weniger der Wahrheit als einer fortdauernden Kameraderie verpflichtet gewesen sein. Hartungs weiterer Karriere hat sie augenscheinlich genutzt: Nach seinem Wechsel zur Kripo Essen wird er im November 1952 in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit übernommen. Ein halbes Jahr später (April 1953) wird er zum stellvertretenden Dienststellenleiter des 2. Kommissariats bestellt.

Dem früheren Gestapo-Chef wird eine „vorbildliche charakterliche Haltung“ bescheinigt

Hans Hartung

Der Dienstausweis von Hans Hartung: Der frühere Gestapo-Chef von Bergen habe als Kriminalbeamter mit Hornbrille und ergrauendem Haar dieselbe ruhige Autorität wie der bekannte TV-Ermittler Derrick ausgestrahlt, schreibt Journalist Olav Sundvor. © Bergensavisen

„Ab 1956 wurde er mit der Leitung der Kriminalgruppe IV betraut – dem eigentlichen Morddezernat in Essen, zuständig für die schwersten Mord- und Gewaltfälle der Stadt“, notiert Sundvor, der in den Unterlagen auch einen alten Polizei-Dienstausweis von Hartung gefunden hat. Dieser habe „mit der dunklen Hornbrille, dem tadellosen Anzug und dem ergrauenden Haar dieselbe fachliche und ruhige Autorität wie der bekannte TV-Ermittler“ Derrick ausgestrahlt. Bei einem folgenden Karriereschritt hat ihm ein Vorgesetzter eine „vorbildliche charakterliche Haltung“ bescheinigt. Sundvor führt die verblüffende Laufbahn des NS-Verbrechers auch auf „personelle Kontinuitäten in der Essener Kriminalpolizei nach Kriegsende“ zurück, ehemalige SA- und SS-Angehörige hätten dort auch leitende Positionen bekleidet.

Matthias Werk bestätigt, dass Hartung seit 1953 „mit der Bearbeitung von Tötungsdelikten beziehungsweise Morddelikten befasst“ gewesen sei. Welche konkrete Funktion und welche Zuständigkeiten er später in der Kriminalgruppe IV gehabt habe, „konnte bislang nicht abschließend festgestellt werden“. Ermitteln ließ sich dagegen, dass Hartung 1954 zum Kriminaloberkommissar befördert wird und 1957 zum Kriminalhauptkommissar. „Hartung blieb bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand am 31. März 1963 im Dienst des Polizeipräsidiums Essen.

Der gesuchte Kriegsverbrecher steht in offiziellen Adressbüchern mit echtem Namen

Hans Hartung

Der gesuchte Kriegsverbrecher Hans Hartung findet sich in offiziellen Adressbüchern aus den Jahren 1957 und 1958 mit seiner Essener Wohnanschrift. © Bergensavisen

Dabei wird nach Hans Hartung in dieser Zeit fieberhaft in ganz Europa gesucht: Er ist im Herbst 1954 von einem französischen Militärgericht in Lyon in Abwesenheit zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Anklagepunkte reichen von Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung über illegale Festnahmen bis zu Beihilfe zum Mord, listet Olav Sundvor auf. In Adressbüchern aus den Jahren 1957 und 1958 habe er Hartung gefunden, eingetragen als „Krim. Kommissar“, wohnhaft an der Wörthstr. 35. Als einzige Tarnung kann man werten, dass er sich mit seinem Taufnamen „Johannes“ eintragen ließ – in Norwegen und Frankreich war er „Hans“.

Trotzdem sei den deutschen Stellen irgendwann aufgefallen, „dass der in Frankreich verurteilte Kriegsverbrecher im eigenen Polizeiapparat“ arbeitete, schreibt der norwegische Journalist. Doch die „Zentrale Rechtsschutzstelle“ (ZRS) im Bundesjustizministerium unter dem Juristen Dr. Hans Gawlik habe davon abgesehen, Alarm zu schlagen und die französischen Behörden zu informieren: „Gawlik hatte eine Vergangenheit als Staatsanwalt an einem der brutalen Sondergerichte der Nationalsozialisten und während der Nürnberger Prozesse war er der offizielle Verteidiger des Sicherheitsdienstes.“

Mitarbeiter des Justizministeriums halten die schützende Hand über den Alt-Nazi

Hans Hartung

Mit diesem Schreiben vom 13. August 1957 lädt die „Zentrale Rechtsschutzstelle" (ZRS) im Bundesjustizministerium den Essener Polizeibeamten Hans Hartung zu einem Gespräch ein.© Bergensavisen | Bergensavisen

Als Direktor der Rechtsschutzstelle in Bonn (1950 bis 1968) habe Gawlik faktisch ein verdecktes, staatliches Warnsystem für gesuchte Nationalsozialisten auf der Flucht gesteuert. Eine Einschätzung, die sich in der Untersuchung „Die Rosenburg – im Schatten der NS-Vergangenheit“ zur frühen Geschichte des Bundesjustizministeriums findet. „Nach 1949 leitete er [Gawlik] dann die Zentrale Rechtschutzstelle im BMJ, die Deutsche, die im Ausland aufgrund von NS-Verbrechen von Strafverfolgung bedroht waren, warnte und damit praktisch vor Strafverfolgung schützte“, sagt Prof. Dr. Manfred Görtemaker, einer der Herausgeber der Studie.

Dieser Hans Gawlik lud seinen Namensvetter Hans Hartung nun zu einem vertraulichen Treffen in die damalige Bundeshauptstadt Bonn ein: „in Ihrem Interesse“. Am 16. August 1957 trafen sich die beiden Männer, und das Besprechungsprotokoll belege, dass Hartung offen über die Kriegszeit gesprochen habe. Er habe sich sogar besorgt nach seinem früheren Chef Werner Knab erkundigt, der allerdings kurz vor Kriegsende verstorben war.

Hans Hartung macht Karriere und bleibt auch im Ruhestand lange unbehelligt

Hans Hartung

Anfang der 1970er Jahre fahnden endlich auch die deutschen Ermittlungsbehörden nach Hans Hartung und finden die „gesuchte Person“ in Essen. Das Dokument entdeckte der norwegische Journalist Olav Sundvor im Landesarchiv NRW.© Bergensavisen |

 

Hartung darf sich nach dem Treffen in Sicherheit fühlen. Er wurde nicht ausgeliefert und habe die klare Anweisung bekommen, niemals nach Frankreich zu reisen. Aus den Archivmaterialien gehe außerdem hervor, dass er zu „einer Art informellem Agenten für die Bundesrepublik gemacht“ wurde, schreibt Sundvor. Weil er so „kooperativ“ gewesen sei, habe ihm das Justizministerium im Frühjahr 1958 eine Namensliste mit zwölf SS- und SiPo-Männern geschickt, nach denen die französischen Stellen ebenfalls fahndeten. Hartung sollte in seinen Netzwerken aus der NS-Zeit herausfinden, wo sich die Gesuchten befanden: nicht um sie festzunehmen – sondern um sie vor einer Auslieferung zu bewahren. „Unsere Arbeit zur Kontaktaufnahme mit Ihren ehemaligen Kameraden ist Ihnen bekannt“, formuliert das der Sachbearbeiter.

Hans Hartung

Der Führerschein von Hans Hartung, ausgestellt am 20. Januar 1956. Der frühere Gestapo-Chef tauchte nach Kriegsende kurzzeitig unter – und setzte sein Leben in Essen dann unter seinem alten Namen unbehelligt fort.© Bergensavisen

Und was wusste man in Essen über den als Kriegsverbrecher gesuchten Kollegen, über den Bonn die schützende Hand hielt? „Derzeit ist ungeklärt, ob und wann das Polizeipräsidium Essen über die Verurteilung durch das Gericht in Lyon informiert wurde“, schreibt Pressesprecher Matthias Werk. Aus „der bislang festgestellten Aktenlage“ könne man schlussfolgern, dass Hartung, „die französische Verurteilung nicht eigeninitiativ gegenüber seinem Dienstherrn offengelegt“ habe. Abschließend belegt sei das nicht. Und so könne man nicht beantworten, ob die zuständigen Stellen im Präsidium vor dessen Eintritt in den Ruhestand 1963 von dem Urteil wussten.

Olav Sundvor wiederum hat herausgefunden, dass Hartung auch bei der Berechnung seiner Pension geschont werden sollte: „Der westdeutsche Staat entschied, seine über neun Jahre bei der berüchtigten SS als voll berechtigte Dienstzeit anzuerkennen.“

Hans Hartung

Das Dokument zur „Berechnung/Neuberechnung der für die Gewährung einer Jubiläumszuwendung maßgeblichen Dienstzeit bei Beamten und Richtern" zeigt, dass Hans Hartung auch die Jahre bei der Gestapo angerechnet wurden. © Bergensavisen | Bergensavisen

Erst kurz vor seinem Tod sollte der Pensionär doch noch ins Visier der deutschen Strafverfolger geraten: „Ab Januar 1971 führte die Staatsanwaltschaft Köln Ermittlungen wegen möglicher von Hartung während des Zweiten Weltkrieges begangener Kriegsverbrechen“, schreibt Polizeisprecher Werk. Stolze sechs Jahre später, am 10. November 1977, sei Hartung beim Polizeipräsidium Essen als Beschuldigter vernommen worden. „In dieser Vernehmung wurden keine konkreten Fragen zur Nachkriegszeit und seinen Aufgaben während des Zweiten Weltkrieges gestellt.“ Auf die Nachfrage, unter welchem Namen er nach Kriegsende gelebt habe, habe Hartung eine Antwort verweigert.

Mit 74 Jahren wird er vernommen: Von den Massenmorden habe er nichts gewusst

Nach Olav Sundvors Erkenntnissen war der Fall zunächst in der Bürokratie liegen geblieben, obwohl die Ermittler schon im Mai 1971 seine Essener Adresse herausgefunden hätten. Die Vernehmung im Jahr 1977 habe im Rahmen einer größeren „deutsch-französischen Ermittlung“ stattgefunden. Man habe den Pensionär durchaus mit Beweisen konfrontiert, woraufhin er seine Vergangenheit als Gestapo-Chef habe eingestehen müssen. „Ich möchte meinen Falschnamen nicht angeben“, zitiert Sundvor den krankheitsgeschwächten, 74 Jahre alten Pensionär aus der sechsseitigen Vernehmung.

Hans Hartung

Als 74 Jahre alter Pensionär wird Hans Hartung im November 1977 im Polizeipräsidium Essen zu seinen mutmaßlichen Taten während der Kriegsjahre befragt. Das sechs Seiten lange Vernehmungsprotokoll zeigt, dass er auf die meisten Vorhaltungen hin mauerte. Auf der gezeigten Seite räumt er lediglich ein, dass er SS-Hauptsturmführer war. © Bergensavisen

Seine Einsätze in Bergen und Grenoble habe er eingestanden. „Als die Ermittler ihn 1977 nach den Massenmorden in Frankreich und den Deportationen von Juden fragten, stellte er sich unwissend“, schreibt Sundvor. Weder von der grausamen Aktion gegen das Kinderheim von Izieu habe er gewusst, noch kenne er den Namen Klaus Barbie, der als „Schlächter von Lyon“ berüchtigt war. Fotos von SS-Kameraden und von den Greueltaten schaut er sich wegen angeblicher Sehprobleme erst gar nicht an.

Und: „Mit den Greueltaten und der Folter, die er persönlich in Bergen leitete, wurde er überhaupt nicht konfrontiert.“ Anders als die Franzosen haben die Norweger den Fall da offenbar schon längst zu den Akten gelegt. „Es ist auffällig und interessant, dass Hartung in den 1950er Jahren von norwegischer Seite offensichtlich nicht mehr gesucht wurde – falls er es überhaupt jemals wurde“, sagt Asbjørn Svarstad, langjähriger Berlin-Korrespondent, der seit vielen Jahren zur westdeutschen Nachkriegsjustiz forscht. Und Sundvor stellt fest, dass auch heute Suchanfragen beim norwegischen Nationalarchiv „überhaupt keine Treffer“ lieferten. Fündig wird der Journalist in deutschen Archiven; zum Teil sichtet er Material, das kürzlich freigegeben wurde.

Hans Hartung

Die Urkunde belegt, dass Hans Hartung am 22. Oktober 1979 in Essen verstarb. Für seine Verbrechen wurde er nie zur Rechenschaft gezogen. Er ist auf dem Parkfriedhof begraben. © Bergensavisen |

Der Kriegsverbrecher stirbt im eigenen Bett und wird auf dem Parkfriedhof begraben

Hans Hartung hat das Protokoll seiner einzigen Vernehmung persönlich unterschrieben. Es sollte für ihn folgenlos bleiben: „Zu einem gerichtlichen Abschluss des deutschen Verfahrens kam es nicht. Hartung verstarb am 22. Oktober 1979, sodass das gegen ihn geführte Strafverfahren nicht mit einer Verurteilung endete“, schreibt Matthias Werk. Er sei als freier Mann in seinem eigenen Bett in der Wörthstraße 35 gestorben, hält Olav Sundvor fest. Nie belangt, nie vor Gericht gestellt. Seine Witwe Klärchen Hartung bleibt in der gemeinsamen Wohnung und überlebt ihren Mann um 24 Jahre: Sie stirbt im Jahr 2003 mit über 80 Jahren. Kinder hatte das Ehepaar nicht.

Hans Hartung

Der norwegische Journalist hat auch das Grab ausfindig gemacht: Der NS-Verbrecher liegt auf dem Parkfriedhof. Bild: © Uwe Klein

Der Friedhofsverwaltung seien bis dahin keine Hinweise zum Verstorbenen Hans Hartung bekannt gewesen, sagt Elisabeth Frieling, für Öffentlichkeitsarbeit zuständig bei Grün und Gruga. Das aktuelle Nutzungsrecht bestehe noch bis zum 24. Oktober 2026 und sei zuletzt im Jahr 2020 verlängert worden. Es bestehe ein Dauergrabpflegevertrag bei einem Dienstleister bis Ende Juni 2028. „Das von dort treuhänderisch verwaltete Guthaben reicht wohl aus, die Grabstätte bis zum Vertragsende zu verlängern.“ Nach deren Ablauf werde die Grabstätte abgeräumt. Erst dann werden die letzten sichtbaren Spuren von Hans Hartung verschwinden.

Hans Hartung

Am Grab von Hans Hartung auf dem Parkfriedhof in Essen: Der ehemalige Polizeibeamte und Pressesprecher der Essener Polizei, Uwe Klein, half bei den Recherchen zum NS-Verbrecher Hartung.

© Uwe Klein

 

Spurensuche in Archiven – und auf dem Friedhof

Für seine aufwendige Recherche zum Fall Hans Hartung hat der norwegische Journalist Olav Sundvor Fachliteratur, historische Adressbücher und zahlreiche Archive herangezogen. Dazu gehören: das Bundesarchiv Koblenz, das Bundesarchiv Berlin (ehemaliges Berlin Document Center) und das Landesarchiv NRW. Er suchte im Crowcass (Central Registry of War Criminals and Security Suspects): In diesem Register erfassten die Alliierten Personen, die der Beteiligung an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verdächtigt wurden. Sundvor hat das Gerichtsurteil des Militärgerichts Lyon gegen Hartung eingesehen und Polizeiunterlagen aus dem Digitalarchiv Bergen.

Im Grabregister des Parkfriedhofes Essen fand er die Grabstätte und das Todesdatum von „Johannes Albert Hartung“ (alias Hans Hartung). Anhand dieser Information ließ sich beim Standesamt Essen auch die Sterbeurkunde des so lange verschollenen NS-Verbrechers finden. „Die Antwort lag nicht in geheimen US-Archiven, sondern auf einem Friedhof in seiner Geburtsstadt“, notiert der Journalist. Und sie führte ihn weiter zu Ermittlungsdokumenten, Hartungs Personalakte und ehemals geheimen Akten der Zentralen Rechtsschutzstelle.

Auch an die Essener Lokalredaktion der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) hat sich Olav Sundvor gewandt. In unseren Archiven fanden wir keine Hinweise auf Hartung. Wir stellten aber einen Kontakt zwischen Sundvor und dem pensionierten Essener Polizeibeamten Uwe Klein her, der in seiner Dienstzeit auch die Pressestelle der Polizei geleitet hatte. Heute ist Klein im Vorstand der International Police Association (IPA) Essen, die ein Archiv und ein Polizeimuseum betreut. Daneben betreibt Klein den Blog „Außer Dienst“: https://ausserdienst.blogspot.com/

Uwe Klein nahm eigene Recherchen auf, befragte ehemalige Kollegen, suchte in Akten, „ob ich nicht doch eine Spur von Hartung finde“. Leider sei innerhalb der Polizei lange Zeit niemand an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit interessiert gewesen. Als junger Polizist sei er Kollegen begegnet, die die deutsche Schuld entweder herunterspielten – oder selbst belastet waren. Inzwischen habe sich die Haltung zum Glück gewandelt; die Kenntnis der Geschichte gelte nun als Voraussetzung „demokratischer Resilienz“. Seinen Beitrag an Sundvors Recherchen nennt Klein gering. Doch gemeinsam mit dem Norweger habe er neue Kontakte geknüpft, neue Quellen aufgetan. Der Enkel eines französischen Widerstandskämpfers hat sich bei ihnen gemeldet. Und sie kennen nun Namen weiterer Ex-Nazis, die nach dem Krieg bei der Essener Polizei unterkamen. Man darf annehmen, dass der Polizeibeamte a.D. weiter ermitteln wird.

Ende