Mehr als acht Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg blieb die
Vergangenheit des Essener Kriminalbeamten Hans Hartung weitgehend im
Verborgenen. Erst die Recherchen des norwegischen Investigativjournalisten Olav
Sundvor von der Zeitung „Bergensavisen (BA)“ brachten seine
Lebensgeschichte ans Licht.
Ich selbst war fast 45 Jahre als Polizeibeamter tätig, nach
meiner Ausbildung durchgehend in Essen. In meiner rund 20-jährigen Funktion als
Leiter der Pressestelle kannte ich viele Kolleginnen und Kollegen und stand in
engem Kontakt zu den Dienststellen. Auch Fragen der Polizeigeschichte gehörten
immer wieder zu meinem Aufgabenbereich.
Im Frühjahr wandte sich eine Redakteurin der Westdeutschen
Allgemeinen Zeitung (WAZ) an mich. Sie wollte wissen, ob mir der Name Hans
Hartung bekannt sei – und ob ich den norwegischen Journalisten Olav Sundvor
bei seinen Recherchen unterstützen könne.
Der Hintergrund war brisant: Hartung soll während der NS-Zeit Gestapo-Chef
in Bergen in Norwegen sowie in Grenoble gewesen sein. In Frankreich wurde er später
in Abwesenheit zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Danach tauchte er unter.
In den 1950er-Jahren bewarb er sich bei der Essener Polizei – und wurde
eingestellt. Ich sagte meine Unterstützung zu. Der Name war mir zwar bekannt,
doch rasch zeigte sich: Es handelte sich um eine Namensgleichheit. Zeitzeugen
gibt es nicht mehr; der gesuchte Hartung ging bereits 1965 in Pension und starb
1979.
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| Die Grabstätte von H. Hartung auf dem Parkfriedhof |
Dennoch führten die Recherchen von Olav Sundvor weiter. In
Essen konnten schließlich sowohl die frühere Wohnanschrift als auch die
Grabstätte Hartungs ausfindig gemacht werden. Das Grab sollte im Oktober 2026
eingeebnet werden. Nach Auskunft der Friedhofsverwaltung bleibt der Grabstein jedoch
aus historischen Gründen erhalten.
In zwei Teilen zeichnet Olav Sundvor die Geschichte des früheren
Gestapo-Chefs nach, der später als angesehener Kriminalhauptkommissar in Essen
tätig war. Der Fall steht exemplarisch für die Nachkriegskarrieren zahlreicher
NS-Täter, denen es gelang, unterzutauchen oder unbehelligt neue berufliche Wege
einzuschlagen. Durch Sundvors beharrliche Recherche ist das Leben Hans Hartungs
nun zumindest nachträglich öffentlich sichtbar geworden. Hier der Artikel (KI- /Google - Übersetzung):
Zeitung - Bergensavisen (BA) aus Norwegen
Enthüllt durch
Geheimdokumente: Wie Bergens Gestapo-Chef vom Staat gerettet wurde
Von Olav Sundvor (BA) - Veröffentlicht: 06.06.2026,
23:30 Uhr

Während die Franzosen ihn wegen Mordes und Folter zu 20 Jahren
Zwangsarbeit verurteilten, wurde Bergens ehemaliger Gestapo-Chef Hans Hartung
(1903–1979) vom westdeutschen Justizministerium rekrutiert. Neue Dokumente
enthüllen einen der größten politischen Skandale der Nachkriegszeit.
ESSEN/BERGEN (BA):
Der gerade Rücken und der arrogante Blick, die in der Folterkammer
in der Straße Veiten 3 Todesangst verbreiteten, verschwanden nie aus dem
deutschen Polizeiapparat.
Zu Ostern konnte die norwegische Zeitung BA enthüllen,
dass der Gestapo-Chef Hans Hartung der norwegischen Nachkriegsjustiz entging
und über 30 Jahre lang ungestört als Pensionär in seiner Heimatstadt Essen
lebte. Damals warfen wir die Frage auf:
Warum wurde er nie gefasst?
Nun hat BA Zugang zu 32 Seiten aus den ehemals
geheimen Akten der Zentralen Rechtsschutzstelle (ZRS) in Koblenz erhalten. Die
Dokumente decken eine erschütternde Wahrheit auf:
Die Bundesrepublik Deutschland sah nicht nur von einer
Strafverfolgung des Kriegsverbrechers ab. Sie machte ihn zu ihrem eigenen
Informanten.
Wegen Beihilfe zum Mord
verurteilt
Im Herbst 1954 erging ein vernichtendes Urteil vor einem
Militärgericht im französischen Lyon. Der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans
Hartung wurde in Abwesenheit zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklagepunkte wogen schwer: Beihilfe zum Mord, illegale
Festnahmen und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung während seiner
Zeit als Gestapo-Chef im französischen Grenoble.
Die französischen Behörden suchten in ganz Europa fieberhaft nach
dem Mann, der den Terror in Westnorwegen und in den Alpen geleitet hatte. Sie
ahnten nicht, dass Hartung bereits ein bürokratisches Kunststück der
Reinwaschung gelungen war: Er war direkt in den westdeutschen Polizeidienst
zurückgekehrt. Nach dem Krieg gelang es ihm, sich im neuen Justizsystem mit genau
demselben Titel zu reetablieren.

In den offiziellen Adressbüchern von 1957 und 1958 ist er in
voller Freiheit als Kriminalkommissar eingetragen, während er privat in der
Wörthstraße 35 in Essen wohnte – nun unter seinem offiziellen Geburtsnamen
Johannes, nachdem er in den Kriegsjahren in Bergen und Frankreich den Namen
„Hans“ benutzt hatte.
DAS NAMENSSPIEL: Erst 1977 fühlte sich
der Pensionär Hartung offenbar sicher vor Nazi-Jägern und ausländischer
Verfolgung; im Adressbuch tauchte er wieder unter dem Namen auf, unter dem er
im Krieg bekannt geworden war: Hans.
Vom Justizministerium
vorgeladen
Im Sommer 1957 entdeckte das eigene Büro des westdeutschen
Justizministeriums, die umstrittene Zentrale Rechtsschutzstelle (ZRS), dass
der in Frankreich verurteilte Kriegsverbrecher im eigenen Polizeiapparat
arbeitete.
Anstatt Alarm zu schlagen oder die französischen Behörden zu
informieren, entschied sich der Staat, seinen eigenen Mann zu schützen. Der Leiter
der Dienststelle war kein Unbekannter: der berüchtigte Jurist Dr.
Hans Gawlik.
Gawlik hatte eine Vergangenheit als Staatsanwalt an einem der
brutalen Sondergerichte der Nationalsozialisten, und während der Nürnberger
Prozesse 1946 war er der offizielle Verteidiger des Sicherheitsdienstes (SD) –
dem ideologischsten Terrorapparat des NS-Regimes.
Nun war der Bock zum Gärtner gemacht worden. Als Direktor der
Rechtsschutzstelle in Bonn (1950–1968) steuerte Gawlik faktisch ein verdecktes,
staatliches Warnsystem für gesuchte Nationalsozialisten auf der Flucht. Dies
ist heute eine offizielle und zutiefst unangenehme Wahrheit in Deutschland,
dokumentiert vom Bundesministerium der Justiz selbst in der historischen
Untersuchung „Die Rosenburg – im Schatten der NS-Vergangenheit“.
Als die Franzosen Hartungs Auslieferung forderten, landete der
Fall auf Gawliks Schreibtisch. Doch statt Handschellen schickte die
Dienststelle einen höflichen Brief in Hartungs Wohnzimmer nach Essen. Er lud
den als Kriegsverbrecher verurteilten Kommissar zu einem vertraulichen Treffen
in die Bundeshauptstadt Bonn ein – „in Ihrem eigenen Interesse“..

Am 16. August 1957 erschien Hartung persönlich. Das einzigartige
Besprechungsprotokoll zeigt, dass er offen über seinen Kriegsdienst unter dem
berüchtigten Gestapo-Chef in Norwegen, Dr. Werner Knab, sprach. Knab war der
Mann, der Hartung in der ersten Zeit in Oslo befehligt hatte und unter dem die
Schreckensherrschaft in Bergen in den ersten Kriegsjahren errichtet wurde,
bevor beide später zu unterschiedlichen Zeiten nach Frankreich versetzt wurden.
Das Protokoll enthüllt, dass die Loyalität unter den SS-Führern
felsenfest war: Hartung fragte den Sachbearbeiter besorgt, ob man wisse, ob
sein alter Chef Knab den Krieg überlebt habe oder in Sicherheit sei. Er ahnte
nicht, dass sein ehemaliger Vorgesetzter bereits kurz vor Kriegsende gestorben
war.
Zum Nazi-Berater des Staates
ernannt
Aufsehenerregendste in den neu geöffneten Archiven ist die Rolle,
die Hartung nach dem Treffen in Bonn erhielt. Anstatt verhaftet zu werden,
wurde der ehemalige Gestapo-Chef von Bergen zu einer Art informellem Agenten
für die Bundesrepublik Deutschland gemacht.
Im Frühjahr 1958 kontaktierte das Ministerium Hartung erneut. Weil
er so „kooperativ“ gewesen war, übersandte man ihm eine Liste mit den Namen von
zwölf SS- und Sipo-Schergen, nach denen die französischen Behörden fieberhaft
fahndeten.
„Unsere Arbeit zur Kontaktaufnahme mit Ihren
ehemaligen Kameraden ist Ihnen bekannt“, schrieb der deutsche Sachbearbeiter
vertraulich.
Der Staat bat den ehemaligen Gestapo-Chef von Bergen praktisch
darum, in seinem eigenen Untergrundnetzwerk alter Nationalsozialisten zu
spionieren. Der Zweck bestand darin, festzustellen, wo sich die Kameraden
versteckten – nicht um sie festzunehmen, sondern damit die staatliche Stelle
die Ermittlungen überwachen und sie vor einer Auslieferung abschirmen konnte.„Es
passt in ein bekanntes Muster“
Der Journalist und langjährige Berlin-Korrespondent Asbjørn
Svarstad erforscht die westdeutsche Nachkriegsjustiz seit vielen Jahren. Er
kommt aus dem Staunen nicht heraus, als BA ihm die neu
entdeckten Dokumente aus Koblenz zeigt.
„Dieser Fund fügt sich nahtlos in das bekannte, erschütternde
Muster jener Zeit ein. Die neue Demokratie in Westdeutschland funktionierte in
der Praxis so, dass der Staat seine schützende Hand über Menschen hielt, die
während des Krieges mit der Gesetzgebung anderer Länder in Konflikt geraten
waren“, sagt Svarstad gegenüber BA.
Die ganze Welt sah zu, als die Nazi-Jägerin Beate
Klarsfeld 1971 persönlich nach Köln reiste, um gegen Kurt Lischka zu
demonstrieren – den ehemaligen Gestapo-Chef von Paris, der für die
Deportation von über 70.000 französischen Juden verantwortlich war.
Genau wie Hans Hartung war Lischka in Frankreich in
Abwesenheit verurteilt worden. Und genau wie Hartung lebte Lischka in voller
Freiheit und machte Karriere in Köln. Dieser Schutz beruhte auf einem Artikel
des Grundgesetzes, der die Auslieferung eigener Staatsbürger verbot, kombiniert
mit einer deutschen Rechtsprechung, die französische Kriegsverbrecherurteile
konsequent als „verjährt“ einstufte.
Während die Weltpresse und Nazi-Jäger später das Rampenlicht auf
Lischka in Köln richteten, agierte Hans Hartung viele Jahre lang
ungestört als Kriminalkommissar Johannes im Ruhrgebiet.
Das Schweigen und der
Archiv-Skandal in Norwegen
Die Akte enthüllt jedoch auch eine andere, unangenehme Seite der
Nachkriegsjustiz. Während die französischen Behörden jahrzehntelang dafür
kämpften, das französische Gestapo-Kartell zur Rechenschaft zu ziehen,
herrschte aus Oslo dröhnendes Schweigen.

Svarstad wirft die Frage auf, ob die norwegischen Behörden nach
dem Ende des Krieges überhaupt einen Finger gerührt haben, um den Chef der
Dienststelle in der Straße Veiten zu fassen. „Es ist auffällig und interessant, dass Hartung in den
1950er-Webjahren von norwegischer Seite offensichtlich nicht mehr gesucht wurde
– falls er es überhaupt jemals war“, gibt Svarstad zu bedenken.
Die eigenen Nachforschungen von BA (Anm.: norweische
Zeitung) untermauern dieses norwegische Systemversagen. Wiederholte
Suchanfragen beim norwegischen Nationalarchiv (Arkivverket) liefern heute
überhaupt keine Treffer zu dem Kriegsverbrecher Hans Hartung. Das
Einzige, was das norwegische System ausgibt, sind Dokumente über einen völlig
anderen, unschuldigen und weltbekannten deutsch-französischen Künstler exakt
desselben Namens.
Obwohl Hartung den Terror in der Veiten 3 leitete und die
dunkelsten Kapitel der Kriegsgeschichte von Bergen verwaltete, verlief das
Verfahren gegen ihn in der norwegischen Nachkriegsjustiz im Sande. In
Norwegen wurde er zu einem vergessenen Mann, für das Justizministerium in Bonn
jedoch zu einem wertvollen Kooperationspartner.
Er organisierte die
Judenverfolgung in Bergen
Während das offizielle Deutschland Hartung in den 1950er-Jahren
als Berater nutzte, blieben hunderte Bürger aus Bergen mit tiefen Wunden,
Traumata und dem Verlust von Familienmitgliedern zurück.
Hartung übernahm den Chefposten in Bergen
unmittelbar nach der Tragödie von Telavåg im April 1942 und führte die
brutalsten Foltermethoden ein, wie das Aufhängen von Gefangenen und Schläge mit
Gummiknüppeln. Doch sein dunkelstes Kapitel in Bergen betraf die bürokratische
und eiskalte Präzision, die er bei der Deportation der norwegischen Juden im
Herbst 1942 an den Tag legte. Als operativer Leiter der Gestapo lag die Führung
bei Hartung.
Ein Vernehmungsprotokoll aus dem Landesverratsverfahren gegen den
Inspektor der norwegischen Staatspolizei, Sverre M. Johansen, enthüllt Hartungs
völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Opfer.
Als Johansen in den Tagen vor der Deportation zu intervenieren
versuchte, um Einzelpersonen aus der Haft freizubekommen, beharrte der
Gestapo-Chef auf formalen Anweisungen. Nachdem Johansen schließlich um
Erlaubnis bat, eine vermutlich schwangere Frau freizulassen, die ärztliche
Hilfe benötigte, gab Hartung mit extremer Zynik nach. Laut Vernehmung sagte
Hartung wortwörtlich: „Ja, ja. Auf einen Juden mehr oder weniger kommt es
wohl nicht an.“
Kurz darauf besiegelte er das Schicksal der übrigen unschuldigen
Bürger aus Bergen, die nach Oslo und weiter mit der DS „Donau“ in die
Gaskammern von Auschwitz geschickt wurden. Für Hartung waren die
Judendeportationen eine reine Verwaltungsaufgabe. Für die Opfer bedeuteten sie
das Ende ihres Lebens.
Letzte Station: Parkfriedhof


Im Jahr 1979 wurde Hartung beigesetzt, ohne jemals zur
Rechenschaft gezogen worden zu sein. Im Oktober 2026 läuft die Ruhefrist ab,
und das Grab wird eingeebnet, wie die Essener Friedhofsverwaltung mitteilt.
Dank des westdeutschen Schutzapparates während des Kalten Krieges
musste sich Hans Hartung nie für seine Taten in Bergen oder Frankreich
verantworten. Er lebte ein ungestörtes, bürgerliches Leben als pensionierter
Spitzenpolizist (Kriminaloberkommissar) in Essen.
Der Durchbruch in dem Fall gelang, als BAmithilfe der
deutschen Friedhofsbehörden kürzlich sein endgültiges Schicksal
zurückverfolgte. Die Antwort lag nicht in geheimen US-Archiven – in denen sich,
wie sich herausstellte, ein jüngerer Namensvetter und Doppelagent aus der
DDR-Zeit verbarg –, sondern auf einem Friedhof in seiner Geburtsstadt.
Im Oktober 1979 tat der 76-jährige Ex-Polizist in Essen seinen
letzten Atemzug. Die Sterbeurkunde enthüllt eine vollständige Metamorphose:
Hier ist der alte Gestapo-Offizier als „katholisch“ eingetragen. Dies steht in
starkem Kontrast zu seinen offiziellen SS-Akten aus dem Krieg, in denen er im
Einklang mit der NS-Rassenideologie mit der Kirche gebrochen und sich als
„gottgläubig“ registriert hatte.
Er wurde auf dem Parkfriedhof der Stadt beigesetzt – mit einer
Pension, die ihm bis zu seinem Todestag von ebenjenem Staat ausgezahlt wurde.
Die Pension wurde auf der Grundlage seiner Jahre im Staatsdienst berechnet –
Jahre, die den Terror gegen den norwegischen Widerstand in Bergen und die
Deportation der dortigen Juden beinhalteten.
Erst jetzt, fast 50 Jahre nach seinem Tod, wurde der unumstößliche
Beweis aus den Tresoren in Koblenz geholt. Er zeigt: Es war kein Mangel an
Spuren, der Hans Hartung zu einem freien Mann machte. Es war eine bewusste,
staatliche Reinwaschung.
QUELLEN: So dokumentierte BA
den Fall
Öffentliche Archive und Dokumente:
Bundesarchiv Koblenz: Sachakte B 305/20380
der Zentralen Rechtsschutzstelle (ZRS), Aktenzeichen E 1148/56. Enthält
offizielle Briefe, Fahndungslisten und das einzigartige Besprechungsprotokoll
aus den Gesprächen mit Hans Hartung in Bonn vom 16. August 1957.
Bundesarchiv Berlin (ehem. Berlin Document
Center): Hans
Hartungs persönliche SS- und Sipo-Personalakte (SS-Personalakte), mit
Personalien, Porträt, Dienstbiografie aus Norwegen und Frankreich sowie der
Heiratsurkunde aus Berlin (Registernr. 13/1940).
Standesamt Essen: Offizielle
Sterbeurkunde Nr. 1236/1979 für Johannes Albert Hartung, ausgestellt am 24.
Oktober 1979.
Militärgericht Lyon (Frankreich) / Bundesarchiv
Koblenz:Französische
Gerichtsakten und das Kriegsverbrecherurteil gegen Hans Hartung (Verurteilung
zu 20 Jahren Zwangsarbeit in absentia im Herbst 1954).
Dokumentiert durch offizielle deutsche Übersetzungen und Aktenauszüge in der
ZRS-Akte in Koblenz.
Digitalarkivet / Bergen politikammer: Urteilspapiere und
Gerichtsakten aus dem Landesverratsverfahren Nr. 707 gegen Sverre M. Johansen.
Dokumentiert Hans Hartungs operative Leitungsrolle während der
Judendeportationen in Bergen im Herbst 1942.
Adressbücher und Registerdaten:
Amtliches Frankfurter Adressbuch &
Adressbuch Essen: Historische Adressbücher (Jahrgänge 1957, 1958), die
Hartungs offiziellen Wohnsitz in der Wörthstraße 35 in Essen und seine
Berufsbezeichnung als Kriminalkommissar dokumentieren.
Friedhofsamt Essen: Grabregister des
Parkfriedhofs Essen, welches die Grabstätte und das Todesdatum von Johannes
Albert Hartung dokumentiert.
Fachuntersuchungen und Literatur:
„Die Rosenburg“ (2016): Der offizielle,
unabhängige wissenschaftliche Untersuchungsbericht im Auftrag des
Bundesministeriums der Justiz. Er dokumentiert, wie das Justizministerium in
Bonn und die Zentrale Rechtsschutzstelle (ZRS) gesuchte NS-Verbrecher während
des Kalten Krieges systematisch schützten und abschirmten.
FAKTEN: Hans Hartung
Geboren: 2. März 1903 in Essen, Deutschland
(gemeldet als Johannes Albert Hartung).
Gestorben: 22. Oktober 1979 in Essen (im Alter von
76 Jahren).
Grabstätte: Parkfriedhof in Essen, bestattet unter
seinem bevorzugten Namen Hans.
Karriere: Polizist seit 1923, 1936 zur Gestapo
versetzt.
1940–1941:Abschnittsleiter der Abteilung D (Funksachen
und Beschlagnahmungen) im Gestapo-Hauptquartier Victoria Terrasse in Oslo.
1942 bis Jahreswechsel 1943/44: Operativer
Leiter/Abteilungsleiter der Gestapo (Abteilung IV) in der Dienststelle Veiten 3
in Bergen. Führte schwere Foltermethoden ein und koordinierte die Verhaftungen
sowie die Deportation der Juden aus Bergen.
1944–1945: Gestapo-Chef in Grenoble, Frankreich. Im
Herbst 1954 in Lyon in absentia (in Abwesenheit) wegen
Beihilfe zum Mord zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
Nachkriegszeit: Reinwaschung als
Kriminalkommissar in Essen; vom Bundesjustizministerium in Bonn geschützt und
als Nazi-Informant rekrutiert. Ging spätestens 1964 als Kriminaloberkommissar a.D.
(außer Dienst) in Essen in Pension.
Privatleben:
1. Ehe: Heiratete am 29. März 1935 Anna Katharina
Elisabeth Schwenk. Im November desselben Jahres wurde der Sohn Hans Dieter
geboren, der nach nur einem Tag verstarb. Im folgenden Jahr, 1936, starb auch
Ehefrau Anna Katharina. Hartung verlor seine gesamte kleine Familie in weniger
als einem Jahr.
2. Ehe (Kriegshochzeit): Als Witwer ging er zum
Kriegsdienst in das besetzte Norwegen. Am 3. Dezember 1940 heiratete der
37-jährige Gestapo-Offizier in Oslo die 18 Jahre jüngere Kläre „Klärchen“
Kornatz (geb. 1921). Die Eheschließung wurde zentral in Berlin registriert (Registernr.
13/1940).
Lebensabend in Freiheit: Die zweite Ehe blieb
vollständig kinderlos. Das Paar lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1979 gemeinsam
in der Wörthstraße 35 in Essen.
Die Witwe, die alles überlebte: Klärchen Hartung blieb in
der Wohnung in Essen wohnen und überlebte ihren Ehemann um 24 Jahre. Als sie
2003 im Alter von über 80 Jahren starb, erlosch die biologische Linie des
Gestapo-Chefs für immer.
Zur Onlineausgabe
der Zeitung Bergensavisen (BA)
https://www.ba.no/avslort-av-hemmelige-dokumenter-slik-ble-bergens-gestapo-sjef-reddet-av-staten/f/5-8-3425261
Tageszeitung Bergensavisen
(BA) – 19.07.2026
– Teil II.

Er wurde als Star-Ermittler gefeiert. Dann zerbrach die Fassade.
Von Olav Sundvor
Jahrzehntelang lebte er ein perfektes
Doppelleben als einer der vertrauenswürdigsten Männer der Polizei. Doch hinter
der makellosen Maske verbarg er ein erschütterndes Geheimnis aus Bergen.
Von Olav Sundvor
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Die Wahrheit, vor der er nicht fliehen konnte
Er verließ Bergen mit einem
Bandscheibenvorfall, hinterließ aber bei vielen Bürgern Bergens tiefe Traumata
und physische Narben.
Er selbst reiste heim nach Deutschland,
setzte eine dunkle Hornbrille auf und wurde ein gefeierter Star-Ermittler.
Fakten: Hans Hartung
Geboren: 2. März 1903 in Essen,
Deutschland. Getauft als Johannes Albert Hartung.
Gestorben: 22. Oktober
1979 in Essen (im Alter von 76 Jahren).
Der Kriegsverbrecher:
1936–1945: Eintritt in
die Gestapo und 1942 operativer Leiter im Hauptquartier Veiten 3 in Bergen.
Führte brutale Folter ein und koordinierte die Deportation der Juden aus
Bergen.
1944–1945: Versetzung
als Gestapo-Chef ins französische Grenoble, wo er einen intensiven Terror gegen
die Widerstandsbewegung leitete.
Die Blitzkarriere und die Reinwaschung:
1945–1950: Tauchte
unter falschem Namen als Landarbeiter auf dem Land tief unter, um der
Kriegsverbrecherjustiz zu entkommen.
1951: Rückkehr zur
Essener Polizei. Ohne Entnazifizierung kletterte er im Eiltempo von unten bis
ganz an die Spitze der Behörde.
1954: In
Frankreich in Abwesenheit zu 20 Jahren Zwangsarbeit wegen Kriegsverbrechen
verurteilt.
1956–1963: Leitete als
gefeierter Chefermittler das eigene Morddezernat der Essener Polizei
(Kriminalgruppe IV). Die Behörden erkannten seine Gestapo-Zeit als
pensionsberechtigte Dienstzeit an.
1971: Geriet im
Januar offiziell ins Visier deutscher Ermittler. Im Mai desselben Jahres spürte
die Polizei seine genaue Adresse in Essen auf. Der Fall blieb in der Bürokratie
liegen.
1977: Im Zuge
einer riesigen deutsch-französischen Ermittlung von der Vergangenheit
eingeholt. Konfrontiert mit Beweisen in seinem einzigen Polizeiverhör am 10.
November 1977, in dem der ehemalige Gestapo-Chef schließlich seine wahre
Vergangenheit gestehen musste.
Das Privatleben:
Heiratete 1940 in Oslo erneut, Kläre
„Klärchen“ Kornatz (1921–2003). Die Ehe blieb kinderlos. Als die Witwe 2003 in
der Wohnung (Anmerkung: Wörthstr. 35) des Paares in Essen starb, brach die
biologische Linie des Gestapo-Chefs für immer ab.
Über 40 Jahre lang war die Geschichte von
Bergens einstigem Gestapo-Chef völlig vergessen. Als Johannes Albert „Hans“
Hartung im Herbst 1979 starb, schien es, als hätte er all seine dunkelsten
Geheimnisse mit ins Grab genommen.
Die Enthüllung der Bergensavisen (BA)
im Juni darüber, wie das westdeutsche Justizministerium ihn in den 1950er
Jahren geschützt hatte, erschütterte viele.
Doch eine große, unbeantwortete Frage
blieb: Musste er sich nie verantworten? Zerbrach seine Reinwaschung nie,
solange er am Leben war?
Die Antwort lag verborgen in
erschütternden Ermittlungsdokumenten, die BA kürzlich aus dem Landesarchiv
Westfalen erhalten hat.
Sie zeigen, dass die Gerechtigkeit ihn am
Ende auf der Zielgeraden seines Lebens beinahe noch eingeholt hätte.
Nur zwei Jahre bevor er starb, im November
1977, wurde der krankheitsgeschwächte Pensionär zu einem formellen und bis dato
unbekannten Polizeiverhör in Essen vorgeladen.
Damit schloss sich der Kreis: Das Verhör
fand in denselben Korridoren des Polizeipräsidiums statt, in denen er selbst
jahrzehntelang, als Chefermittler regiert hatte.
Jahrelang leitete er Ermittlungen wegen
Mordes und schwerer Gewalt. Zu seinen eigenen Verbrechen wurde er erst am Ende
seines Lebens vernommen.

Foto: Landesarchiv Westfalen
Er war Verdächtiger in einer gigantischen
Ermittlung gegen das Gestapo-Netzwerk in Frankreich. Ihm wurden die Dokumente
und Beweise der Ermittler vorgelegt. Da erkannte der alte Chef aus Veiten 3,
dass er keine Wahl mehr hatte.
„Ich möchte meinen Falschnamen nicht angeben“
Das Verhör enthüllt einen in die Enge
getriebenen und verzweifelten Mann, der erbittert kämpfte, um das Gefängnis auf
seine alten Tage zu vermeiden. Konfrontiert mit den Beweisen des
Staatsanwalts, musste der ehemalige Gestapo-Chef zum ersten Mal seine wahre
Kriegsgeschichte zu Protokoll geben: „Etwa Mitte 1942 wurde ich nach Bergen
versetzt“, gesteht er.Er gibt auch zum ersten Mal die feige Flucht im Jahr 1945
zu.
Den alliierten Nazi-Jägern nach der
Kapitulation zu entgehen, hatte er alle Spuren verwischt und war auf dem
deutschen Land untergetaucht: „Nach dem Kriege habe ich eine Zeitlang
unter einem falschen Namen gelebt“, gestand er.
Die Ermittler verlangten zu wissen,
welchen Decknamen er benutzt hatte. In den kritischen Jahren versteckte er sich
ja vor der Kriegsverbrecherjustiz. Doch der alte SS-Offizier weigerte sich
arrogant zu antworten: „Ich möchte meinen Falschnamen nicht angeben.“
Während Hartung im Verborgenen unter
Decknamen lebte, zog sich das Netz zusammen. Im Juni 1948 stand er auf der
offiziellen Liste der Alliierten (CROWCASS) der wegen Mordes Gesuchten,
aufgrund seines Dienstes in Bergen und Grenoble. Als ehemaliges Mitglied der Gestapo sah er
ein, dass er in den ersten Nachkriegsjahren chancenlos war.

Foto: unbekannt
Hartung war mit seinen 168 cm nicht
hochgewachsen, aber er hatte Autorität. Hier sieht man ihn aller
Wahrscheinlichkeit nach in Felduniform vor Kapitän Tiedemann an Bord des
Gestapo-Bootes im Jahr 1942/43. Foto: Unbekannt
Er versteckte sich schlichtweg unter der
Erde, bis sich die heftigste Welle der Entnazifizierung gelegt hatte. Im
Frühjahr 1951 war ein neues, umstrittenes Gesetz in Westdeutschland auf dem Weg
(das sogenannte 131er-Gesetz). Es gab alten Nazis das volle Recht, ihre
Positionen zurückzuerhalten. Erst da legte er den falschen Namen ab und
nahm seinen wirklichen Namen wieder an. Der 48-Jährige war blitzschnell zur
Stelle. Bereits im Mai 1951 begann er mit der Arbeit, Papiere zu
sammeln, um seine Karriere zu dokumentieren.
Am 9. Juni reichte er den formellen
Antrag ein, seinen Polizeijob zurückzuerhalten.
In den Anstellungsunterlagen lagen die
Informationen über seine Vergangenheit in der Gestapo und seine früheren
Dienstgrade völlig offen dar. Er brauchte nämlich nicht zu lügen:
Die Behörden akzeptierten seine
Vergangenheit. Sie sorgten dafür, dass er unter seinem wirklichen Namen seine
Polizeikarriere ungehindert fortsetzen konnte.
Sie ging also genau dort weiter, wo sie
während des Krieges aufgehört hatte.Für die Bürger von Essen agierte Hartung
nach dem Krieg als die Personifizierung von Recht und Ordnung.
Ab 1956 wurde er mit der Leitung der
Kriminalgruppe IV betraut – dem eigentlichen Morddezernat in Essen,
zuständig für die schwersten Mord- und Gewaltfälle der Stadt.
Als er in den 1950er Jahren in den Rängen
aufstieg, war er in der Realität das Pendant der Industriestadt zum TV-Helden
„Derrick“ von der Münchener Polizei.
Mit der dunklen Hornbrille, dem tadellosen
Anzug und dem ergrauenden Haar strahlte er dieselbe fachliche und ruhige
Autorität aus wie der bekannte TV-Ermittler.

Die Zellen und der Korridor in Bergen sind
erhalten. Hier wüteten Hartung und seine Männer gegen Widerstandskämpfer. Foto: Olav
Sundvor
In Dienstzeugnissen wurde er von seinen
Vorgesetzten für sein tiefes Verständnis des Ermittlungsfaches gelobt. Die Chefs hoben seine außergewöhnlichen
Fähigkeiten hervor, und er wurde häufig für die kompliziertesten und
schwierigsten Aufgaben des Bezirks eingesetzt. Doch hinter der vertrauenerweckenden
Alltagsmaske verbarg sich ein pechschwarzes Paradoxon.
Genau wie nachträglich enthüllt wurde,
dass der Derrick-Schauspieler und Norwegen-Freund Horst Tappert eine
Vergangenheit in der Waffen-SS hatte, trug auch Essens realer Jäger auf Mörder
ein tiefes Geheimnis: Er war eigentlich ein gesuchter Gestapo-Henker.

Eine der ersten Seiten der 296 Seiten
starken Personalakte. In ihr wurde seine gesamte Karriere dokumentiert. Foto:
Landesarchiv Westfalen
Vom Staat geschützt
Dass er ungestört an die Spitze der
Polizei klettern konnte, lag daran, dass sich die Behörden jahrzehntelang
auffallend weit gestreckt hatten, um ihren eigenen Mann abzuschirmen.Als seine Pension später berechnet wurde,
entschied der westdeutsche Staat offiziell, seine über neun Jahre in der
berüchtigten SS als voll pensionsberechtigte Dienstzeit anzuerkennen. Die Jahre, in denen er sich unter falschem
Namen auf dem Land versteckte, wurden einfach übergangen.
Wie BA im Juni enthüllte, entdeckte die
umstrittene Zentrale Rechtsschutzstelle (ZRS) bereits 1957, dass Hartung in
Frankreich zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Doch statt ihn festzunehmen, wurde Hartung
von seinen Vorgesetzten gewarnt.Er erhielt die klare Anweisung, niemals
nach Frankreich zu reisen, und wurde gleichzeitig als informeller staatlicher
Informant rekrutiert.

Foto: Landesarchiv Westfalen
Bereits im Januar 1971 geriet er ins
Visier der deutschen Polizei und seine Adresse in Essen wurde aufgespürt.
Dennoch dauerte es über sechs Jahre, bis er zu einem formellen Verhör
vorgeladen wurde.
Bandscheibenvorfall in Bergen, Terror in Frankreich
Im Verhör musste der 74-Jährige auch dafür
Rede und Antwort stehen, wie er um den Jahreswechsel 1943/44 plötzlich aus
Bergen verschwand und warum er als Gestapo-Chef in der französischen Alpenstadt
Grenoble auftauchte. Der alte Nazi behauptete, er sei von einem
heftigen Bandscheibenvorfall getroffen und für den weiteren Dienst im kalten
Norwegen als medizinisch untauglich erklärt worden. Das Hauptquartier in Berlin
stufte ihn jedoch als „dienstfähig für Frankreich“ ein und schickte ihn
umgehend nach Süden. Hinter dieser Versetzung steckte jedoch
ein dunkles Kameraden-Netzwerk. Sein früherer Chef aus der Zeit beim
Oberkommando in Oslo, der berüchtigte SS-Sturmbannführer Dr. Werner Knab, war
nämlich Chef des gesamten Sipo und SD in der Region Lyon geworden. Knab kannte Hartungs brutale Effizienz
aus der Zeit in Norwegen und forderte ihn persönlich für französischen
Boden an.
Die Zeit in Grenoble war geprägt von
intensivem Terror gegen die französische Widerstandsbewegung, endete aber auch
in einem heftigen Drama für ihn persönlich. Im Juni 1944 wurde sein Auto von
französischen Partisanen angegriffen. Es geschah in einem Hinterhalt außerhalb
von Grenoble.Vier seiner Gestapo-Kameraden wurden durch Maschinengewehrfeuer
niedergemäht und getötet, während Hartung selbst bei dem Angriff schwer
verletzt wurde.
Französische Jagd, norwegisches Schweigen
Als die Ermittler ihn 1977 nach den
französischen Massenmorden und Deportationen von Juden fragen, stellt er sich
völlig unwissend. Mit den Grueltaten und der Folter, die er persönlich in
Bergen ausführte und leitete, wurde er überhaupt nicht konfrontiert.
Während französische Behörden unermüdlich
nach Gerechtigkeit für die Opfer in Grenoble gejagt hatten, hatten norwegische
Behörden den Fall längst zu den Akten gelegt. Für die Opfer aus Veiten 3 wurde
nie eine rechtliche Forderung gestellt. Stattdessen muss der ehemalige
Gestapo-Chef für die Aktionen in Frankreich antworten. Er schiebt einen schlechten
Gesundheitszustand und Doppelseitigkeit vor, um sich Fotos seiner alten
SS-Kameraden nicht ansehen zu müssen.
Als die Ermittler ihn mit den
erschütterndsten Kriegsverbrechen in Frankreich konfrontieren, leugnet der
ehemalige Polizeifunktionär alles. Die Papiere enthüllen, dass ihm Befehle
über die berüchtigte Aktion gegen das jüdische Kinderheim in Izieu vorgelegt
wurden, bei der 41 Kinder im Alter von bis zu drei Jahren festgenommen und in
die Gaskammern von Auschwitz geschickt wurden. Er behauptet jedoch, überhaupt nichts von
der Tragödie gewusst zu haben.
Er serviert auch einen fast absurden
Kommentar, als er nach seinem Kollegen in Lyon gefragt wird, dem berüchtigten
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der den Befehl persönlich unterzeichnet
hatte: „SS-Obersturmführer Barbie ist mir ein unbekannter Name“, sagte er.
Die sechs Seiten lange Befragung im
Essener Polizeipräsidium endet damit, dass der 74-jährige Kriegsverbrecher
völlig mauert.

Foto: Landesarchiv NRW
Die letzten Zeilen aus dem ehemals als
geheim eingestuften Verhör vom 10. November 1977. Unten ist die Unterschrift
des damals 74-jährigen Hans Hartung zu sehen.
Als ihm die Bilder seiner alten Kameraden
und der Grueltaten in Frankreich gezeigt werden, nutzt er seine eigene
Gesundheit als Ausflucht. „Es hat keinen Sinn, mir Lichtbilder vorzulegen, weil
ich mit meiner Sehkraft – Doppelsichtigkeit – mit Sicherheit niemanden erkennen
kann“, wird er im Protokoll zitiert, bevor er hinzufügt, dass er nichts mehr zu
sagen habe. Dann setzt er seine persönliche
Unterschrift unter das Dokument. Es wurde das erste und letzte offizielle
Verhör von Bergens Gestapo-Chef.
Das Gesicht hinter der Reinwaschung
Die neuen Dokumente und Bilder, Zugang zu
denen BA erhalten hat, dokumentieren auch zum ersten Mal Hartungs physische
Verwandlung nach dem Krieg. Wir haben nun datierte Bilder, die genau zeigen,
wie er sich an die neue Gesellschaft anpasste:
Hans Hartung, Gestapo-Chef 1942-43
Das
SS-Porträt (um 1938): Der
Mann, der in Bergen wütete. Der junge, arrogante Beamte von 36 Jahren, ohne
Brille und mit einem harten, unberechenbaren Blick.
Der
Kriminal-Oberkommissar: Das Foto, das im Januar 1956 in die Polizeiakten
eingeklebt wurde. Er ist nun ein etablierter Ehemann in den 50ern, hat
zugenommen, lächelt vorsichtig in die Kamera und erscheint als harmloser und
jovialer Bürger
Der
Kriminalhauptkommissar: Der Dienstausweis vom September 1957. Hier trägt
er die schwere Hornbrille, die ihn stark vom brillenlosen SS-Porträt
unterscheidet. Trotz des Maskenwechsels war es genau eine solche Brille, von
der Gefangene in Bergen berichteten, dass er sie trug, wenn er während der
Verhöre aus Papieren vorlas.
Die verhinderte Gerechtigkeit
Die Geschichte von Hans Hartung ist der
Bericht über ein System, das total versagte, aber auch über eine Gerechtigkeit,
die genau zu spät kam.
Dank der Schützenhilfe des westdeutschen
Justizministeriums in den 1950er Jahren und einer Ermittlung, die
jahrzehntelang in den 1970er Jahren verweilte, gelang es Hartung, den
Rechtsstaat auszumanövrieren. Er wurde nie für das, was er im Raum
Bergen oder in Frankreich getan hatte, vor ein Gericht gestellt.
Am 22. Oktober 1979 – keine zwei Jahre,
nachdem die Beweise ihn gezwungen hatten, in der dramatischen Konfrontation in
Essen über seine wahre Vergangenheit zu sprechen – starb Johannes Albert „Hans“
Hartung als freier Mann in seinem eigenen Bett in der Wörthstraße 35. Erst jetzt haben sich die ehemals geheimen
Protokolle geöffnet und enthüllen die allerletzten, verzweifelten Ausflüchte
von Bergens Gestapo-Chef und die endgültige Begegnung mit seiner eigenen
Vergangenheit.
QUELLEN:
Landesarchiv
Nordrhein-Westfalen: Hartungs
originale Personalakte, Pensionsunterlagen und das ehemals als geheim
eingestufte Verhör vom November 1977.
Bundesarchiv
in Berlin: Hartungs
eigene SS-Akten, Rasseunterlagen und originale Porträtfotos aus den
Kriegstagen.
CROWCASS: Das
offizielle Register der Alliierten der gesuchten Kriegsverbrecher und
Verdächtigen, herausgegeben im Juni 1948.
Einwohnermeldeamt
Essen: Offizielle
Geburts- und Sterbeurkunden.
Digitalarchiv
in Bergen: Verratsurteile
und Polizeiverhöre nach der Abrechnung in Bergen.
Eigene
Untersuchungen der BA: Die Enthüllungen der geheimen Akten des
westdeutschen Justizministeriums (ZRS).