Mittwoch, 8. Februar 2023

Vor 35 Jahren - Flugzeugabsturz im Ruhrtal

 

Essen-Kettwig: Am 8. Februar 1988, um 7.58Uhr, kam es im Ruhrtal zur Katastrophe. Die Maschine Flamingo 108 der Nürnberger Flugdienste auf dem Weg von Hannover nach Düsseldorf wurde von einem Blitz getroffen. Die Instrumente fielen aus, der Metroliner stürzte ab. Der Pilot, die Co-Pilotin und 19 Passagiere starben.

Für die Essener Polizei und alle am Einsatz Beteiligten (Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Rechtsmediziner u. a.) eine schwere Aufgabe.  Zum Beispiel für Werner Jacoby, damals Leiter des 3. Kommissariats und stellvertretender Leiter der Ermittlungskommission. Vor Ort war er für die Asservatensammelstelle verantwortlich. Rund 5000 Gegenstände wurden dort in einer Scheune zwischengelagert und archiviert, darunter wertvolle Gegenstände wie z.B. eine Rolex-Uhr und verschiedene Schmuckstücke, die später den Angehörigen ausgehändigt werden mussten. Auf Bitten vom damaligen Polizeipräsident Dr. Max Bloser suchte der Erste Kriminalhauptkommissar alle Angehörigen in Niedersachsen auf. Was sollte er auf die Frage der Trauernden, haben sie meinen Liebsten noch gesehen, antworten?

Kalter, regnerischer Wintertag - Der Unglücksort in den Ruhrwiesen
 Die Identifizierung aller Verunglückten in der Rechtsmedizin mit Hilfe von Kollegen des Bundeskriminalamtes glich einer Puzzlearbeit. Es erfolgte anhand von Zahnschemata, Fingerabdrücken, persönlichen Gegenständen und Befragungen. DNA-Untersuchungen waren vor 35 Jahren noch kein Standard.

Ebenfalls berichtete Heribert Schäfersküpper – damals beim Verkehrsdienst - von dem Unglückstag. Er war einer der Ersten am Absturzort. Die Maschine war auseinandergebrochen. Überall in der nassen  Wiese waren die geschundenen Körper verteilt.

Auf dem Wrackteil zu lesen NFD - Nürnberger Flugdienst

 Ich versuchte als „Alleinkämpfer“ mit Unterstützung meiner Kollegin Sonja Kirsch, die Pressefragen aus der ganzen Republik zu beantworten und musste für den selben Tag eine Pressekonferenz in Mülheim vorbereiten.. Telefax, Internet waren 1988 noch für die Polizei ein Fremdwort.

Erst später stellte sich heraus, dass der Absturzort auf Essener Gebiet lag und nicht in Mülheim an der Ruhr, wie der damalige Wachleiter von Kettwig, „Kuddel“ Hansen, vermutete. Die Totenscheine mussten danach umgeschrieben werden.

Die Fotos sind Screenshots von der Dokumentation des Beweissicherungstrupps  der Einsatzhundertschaft.

Aktuell ist zu diesem Flugzeugabsturz jetzt ein Podcast veröffentlich worden:

https://flugforensik.de/2023/01/19/episode-10-flamingo-108-vom-blitz-getroffen/

In Sichtweise die Autobahnbrücke der A 52

Der Tatortfotograf Horst Lang

Die beiden Todesermittler Jürgen Springer und Detlef Kerzl

Blick in die Rechtmedizin

Fingerabdrücke bei einem Opfer

Die zusammengesetzte Maschine

Einer der Ermittler - Erich Proff


 

Samstag, 28. Januar 2023

Meine Mutter die Influencerin

Was wäre wenn es vor 70 Jahren schon das Internet, Facebook, Instagram, TikTok, Youtube gegeben hätte? Wäre meine Mutter auch Influencerin geworden? Bestimmt nicht. Keine Zeit. 

Heute lese ich in der Tageszeitung von einer "Mamabloggerin". Sie heißt Sara P. Sie beschreibt und filmt ihren beschwerlichen Mutteralltag wie sie von Wäscheberg zu Wäscheberg rennt. Ein Mann und Vater kommen in dem Artikel nicht vor. Sie ist wohl alleinerziehende Mama mit zwei Kindern. So weit so gut.

Immer wieder schweifen beim Lesen des Artikels meine Gedanken ab. Wie war das eigentlich in meiner Familie? Ich schlüpfe in die Rolle meiner Mutter Katharina, genannt Käthe, Geburtsjahr 1922 und beschreibe ihren Alltag aus dem Jahr 1954 in einem Blog:

 

„Hallo Leute, heute bin ich um 7.00 Uhr aufgestanden. In der Wohnung ist es saukalt. Ich musste erst einmal den Ofen in der Küche anheizen. So ein Mist - keine Kohlen mehr da. Schnell in den Keller und die Kohlenschütte füllen. Zeitungspapier und Holz stapeln, anzünden, warten und Kohlen drauf. Es ist 7.30 Uhr. Jetzt schnell noch meine fünf „Männer“ wecken. Bei den Kindern ist es einfach. Die vier Jungs schlafen alle im Kinderzimmer. Was mache ich zuerst? Uwe ist ganz nass. Erst einmal Stoffwindeln wechseln. Zu einem schönen Puck. Jetzt geht es ans Waschen und Zähneputzen der Kleinen. Katzenwäsche. Ruckzuck im beengten Badezimmer. Manfred wird erst einmal aufs Töpfchen gesetzt. Der muss das doch endlich lernen. Ist doch schon 2 Jahre alt. Die Großen, 4 und 6 Jahre, können schon alleine aufs Klo. „Beeil dich, ruft Hartmut“, weil Dieter so lange für sein Geschäft braucht. Vater steht auf. Na ja, um den brauche ich mich zunächst nicht zu kümmern. Ihn höre ich nur aus dem Schlafzimmer rufen: „Sind meine Hemden fertig.“

Die Küche ist einigermaßen warm. Die Eisblumen an dem Fenster schmelzen so langsam. Frühstück. Die Jungs kriegen Haferflocken in Milch und Zucker. Für Vater schmiere ich Butterbrote, auch die für die Arbeit.

Ab 8.00 Uhr. Die Kinder werden verteilt. Dieter in die Schule, Hartmut in den Kindergarten, Manfred und Uwe kommen in den Laufstall.  Waschtag. Ich muss in die Waschküche, die sich im Keller befindet und von sechs Familien genutzt wird. Für die Kochwäsche muss der große Bottich angeheizt werden.  Wieder alte Zeitungen, Holzscheite stapeln, anzünden, Kohlen drauf. Die Buntwäsche kann in die Wasserbecken. Wieder nach oben. Kurz durch die Wohnung gewischt. Dann geht es Trepp auf Trepp ab. Zum Keller ist es nicht so weit, wir wohnen im Erdgeschoss. Das Wäscheaufhängen ist schon beschwerlicher. Der schwere Korb muss auf den Dachboden. Dort hängen die Wäscheleinen.

Der Vormittag ist ausgelastet. Ach ne, ich muss noch Essen kochen. Viel Geld ist nicht mehr in der Haushaltskasse. Also, gibt es Milchreis mit Zucker und Zimt, Fleisch sowieso nur am Sonntag oder ein bisschen zwischendurch.


 So nach und nach sind um die Mittagszeit alle wieder daheim. Es wird gegessen. Natürlich zusammen. Zunächst ein Tischgebet. Segne Herr, was deine Hand uns in Gnaden zugewandt. Uwe und Manfred müssen gefüttert werden. Nach dem Spülen mit der Hand Mittagsschlaf. Nicht für mich, sondern für die Jungs. Es wird weiter in der Waschküche gewerkelt. Die großen Teile müssen durch die Presse. Handarbeit. Und alles wieder 50 Stufen hoch zum Trockenboden.

Ich nehme mir Zeit. Bin ein Viertelstündchen im Sessel eingeschlafen. Dann geht’s weiter. Auch der Ofen im kleinen Wohnzimmer musste zwischendurch angefeuert werden. Der wird Gott sei Dank mit Koks und Briketts geheizt. Da muss ich nicht wie in der Küche immer Kohlen nachschütten. Oh, wie schön wäre ein gasbetriebener Küchenherd. Vielleicht einmal später, wenn wir mehr Geld haben.

Die Kinder spielen im Kinderzimmer. Dieter sitzt in der Küche und macht die ersten Schreibversuche auf der Schiefertafel. Wenn die Buchstaben nicht schön genug sind, werden sie mit dem Schwamm ausgeputzt. „Schatz, bitte noch einmal“.

Vater kommt von der Arbeit, fällt mit den Worten: „Bin ich kaputt“, aufs Sofa. Vor dem Einschlafen murmelt er noch: „Muss ich heute Abend in den Sportverein, zum Kegeln oder zu meinen Sangesfreunden?“

Ich gehe ins Kinderzimmer: „Pssst, leise, Papa schläft. Er hatte einen schweren Tag.“

Ich wurschtle weiter in der in der kleinen 4,5 Zimmer-Wohnung. Putzen, bügeln, backen, kochen, Bett beziehen und, und…

Der Tag geht langsam zu Ende. Nicht für mich. Die Kinder werden nach und nach ins Bett gebracht. Vater ist beim Kegeln mit seinen Arbeitskollegen. Endlich Ruhe, Zeit für mich. Auch nicht so recht. Ich plane gedanklich den nächsten Tag. Ablenkung finde ich dabei beim Stopfen der Socken und Hosen. Muss ja auch gemacht werden. Gut, dass wir noch keinen Fernseher haben. Der lenkt nur ab.

Einen der Jungs habe ich ins Ehebett rüber getragen. Um es anzuwärmen. Vater kommt vom Kegeln angetüddelt nach Haus. Immer der selbe Spruch „Ich bin König oder ich habe den Pudel.“

Die „Wärmflasche“ muss wieder ins Kinderbettchen. Jetzt aber, ab ins kuschelige Bett. Ich freue mich auf die Nacht, bin bestimmt gleich eingeschlafen. Ach ne, da hat sich der liebe Gott mit Unterstützung des Gesetzgebers noch etwas ausgedacht. Das heißt im Amtsdeutsch: eheliche Pflichten. Ich gucke an die Decke. Noch ein Kind können wir uns nicht leisten. Obwohl? Uwe sollte ja schon eine Dagmar werden. Ein Mädchen wäre schön. So, jetzt ist aber endgültig Schluss. Noch ein kurzes Nachtgebet. Ich träume von Wasch- und Spülmaschinen, Kühlschränken, elektrischen Küchenhelfern, Pampers, Urlaube, Geld und Tabletten, die vielleicht eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Tschüss Leute. Ich hänge euch noch ein Foto dran. Ich beim Strümpfe stopfen.“

 

Sonntag, 27. November 2022

Herman van Veen ...

…trat Freitag in der Essener Philharmonie auf. Mittlerweile 77 Jahre alt tourt der niederländische Liedermacher, Clown, Philosoph, Maler, Kinder- und Menschenfreund nach langer Zwangspause wieder durch Deutschland. Gott sei Dank. Meine Frau ( „Ich liebe zwei Männer mit Glatze, dich und Herman van Veen“) und ich sehen ihn nach langer Zeit kurz vor Weihnachten in Wuppertal wieder. Seit fast 50 Jahren „verfolgen“ wir ihn in seiner vielfältigen Kunst. Für die Jüngeren: Er ist auch der Vater von Alfred Jodocus Kwack („Warum bin ich so fröhlich“).

Und zur Einstimmung auf seinen Auftritt in Wuppertal haben wir uns heute beim Frühstück das Album „Blaue Flecken“ von 1989 angehört. Herman van Veen sang vor über 30 Jahren "Chanson de Malheur". Hörenswert. Es geht nämlich um den Klimawandel. Und über drei Jahrzehnte später gehen Kinder auf die Straße, haben Angst um ihre Zukunft und weisen auf das bevorstehende Malheur hin.  

Mal lustig - mal ernst - Herman van 2002

CHANSON DE MALHEUR

Wo kann ich mich verstecken, wenn nirgendwo ein Baum mehr steht.
Wo kann ich noch frei atmen, wenn jedem Fisch die Luft ausgeht.
Sind die Vorratskammern leer - hilft keine Rationierung mehr.
Wo kann ich untertauchen, wenn das Meer am Gift erstickt.
Wo kann ich Wasser kaufen, wenn alle Quellen längst versiegt sind.
Sind die Vorratskammern leer - hilft keine Rationierung mehr.
Wohin noch flüchten - es hat keinen Zweck.
Zeitbomben ticken, Menschen ersticken in ihrem eignen Dreck.
Warum sehn viele das nicht ein, fehlt ihnen das Gespür.

Jetzt nützt keine Versicherung und kein Riegel vor der Tür.
Wo kann ich mich erholen, wenn die Sonne mir die Haut zerfrisst.

Wo kann ich ernten, wenn jedes Feld verpestet ist.
Sind die Vorratskammern leer, hilft keine Rationierung mehr.
Schleswig-Holstein wird zur Wüste und Köln liegt dann am Meer.
Die Alpen melden "Land unter" und Sylt gibt's überhaupt nicht mehr.
Liegt dieser Gedanke denn so fern. Warum sehn viele das nicht ein
Aus Schaden wird man klug - nur wann. Warum sehn viele das nicht ein
Wann lernen wir, dass man Geld nicht essen kann. Können wir euch helfen?

Youtube - Chanson de Malheur


 



Sonntag, 16. Oktober 2022

Polizeigeschichte - WERDEN gab polizeiliche Zuständigkeiten ab

 

Bereits im Jahr 799 wurde der Stadtteil im Süden erstmals erwähnt. WERDEN an der Ruhr wird deshalb auch als die Quelle von ESSEN bezeichnet. Obwohl? Erst viele Jahrhunderte später wurde WERDEN ein Teil des Stadtgebietes. Die Gebeine vom Friesen-Missionar Liudger, der hier im 8. Jahrhundert ein Kloster errichtete, werden heute noch einmal jährlich durch die Straßen des Stadtteils getragen. Geprägt wird das Stadtbild durch die Basilika und die romanische Luciuskirche. Schluss mit der Selbstständigkeit war am  1. August 1929 als Werden und Werden-Land (Fischlaken, Heidhausen) eingemeindet und Teil der Stadt Essen wurden. Die staatliche Polizei in Essen existierte seit 1909. Das Polizeipräsidium entstand mitten im 1. Weltkrieg – erbaut von 1914 bis 1918. 

1926 - Das Polizeipäsidium an der Büscherstraße

Die Werdener Nachrichten berichtete am 25. August. 1922:

„Der preußische Minister des Inneren hat mit Zustimmung des Provinzialrates, der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen und nach Anhörung der Beteiligten Reichsausschüsse beschlossen, in einer Reihe von Gemeinden die Ausübung der Sicherheitspolizei mit Wirkung vom 1. Oktober 1922 an besonderen staatlichen Beamten zu übertragen.

Die übrigen polizeilichen Geschäfte verbleiben den kommunalen örtlichen Polizeiverwaltungen zur selbstständigen Erledigung. Die Zuständigkeit der staatlichen Polizeiverwaltung erstreckt sich auf das gesamte Gebiet der Sicherheitspolizei und auf die mit dieser im engen Zusammenhang stehenden Polizeizweige.

Heute Universität - früher Abtei und Strafanstalt - links der Turm der Basilika
 Insbesondere gehören zu der Zuständigkeit der staatlichen Polizeiverwaltung 1. die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung, 2. die politische Polizei, insbesondere das Presse-, Vereins- und Versammlungswesen, 3. die Fremdenpolizei, einschließlich das polizeiliche Pass -und Meldewesen, 4. die Verkehrspolizei,  5.die Kriminalpolizei, 6. die Feuerpolizei, 7. die den Ortspolizeibehörden auf dem Gebiete der Gewerbepolizei übertragenen Befugnisse. […]

1833 erbaut - der letzte Bürgermeister zog in der 50er-Jahren aus
Unter Zusammenlegung mit dem Polizeipräsidium Essen: die Städte Kettwig und Werden und die Bürgermeistereien Kettwig -Land, Werden -Land, Heisingen, Kupferdreh und Überruhr, sämtlich im Landkreis Essen.“ (Quelle: Werdener Nachrichten vom 14.10.2022)

Anmerkung: Heute ist Werden und Werden-Land ein Teil der Polizeiinspektion 2 – Süd mit Sitz in Bredeney in der ehemaligen Karstadt-Hauptverwaltung. Die Einsätze werden von dort aus gefahren. Die Inspektion ist zuständig für 13 Stadtteile mit rund 230000 Einwohnern. Eine Polizeiwache gibt es in WERDEN schon lange nicht mehr. Sie befand sich zuletzt in der Bungertstraße.

Hier im Anbau der lten Schleuse befand sich die Wache der Wasserschutzpolizei
Heute machen im Stadtteil, Heidhausen und Fischlaken noch eine Polizeibezirksbeamtin und ein Polizeibetirksbeamter Dienst. Sie haben ihre Anlaufstelle im Rathaus am Werdener Markt. 

Tatort - hier wurde 1986 "Pommes Erwin" Opfer eines Raubmords

 Mehr zur Essener Polizeigeschichte gibt es im Polizeimuseum der International Police Association (IPA) an der Theodor-Althoff-Str. 4. Infos unter: http://ipa-essen.de/index.php/polizeihistorische-sammlung