Montag, 5. November 2018

Stahlstraße


Als junger Mann war ich oft im Bordell oder umgangssprachlich Puff. Damals rein beruflich, heute zu Recherchezwecken. Die älteste Laufstraße Deutschlands mit knapp 20 Häusern, in denen früher bis zu 200 Frauen arbeiteten, befindet sich in „meinem“ damaligen Schutzbereich am Rande der Essener Innenstadt. Die Stahlstraße – früher Heilig-Geist-Straße – gibt es schon seit über 100 Jahren. Auf der „Gerlingwache“ bin ich von 1971 bis 1978 als junger Schutzmann auf Streife gegangen oder gefahren. Obwohl anfangs noch nicht volljährig (!), haben mir diese Einsätze immer Spaß bereitet. Und nicht nur mir. Wenn die Einsatzleitstelle „Gruga“ kurz und knapp über Funk fragte: „Zahlungsstreitigkeiten Stahlstraße, welches Fahrzeug ist einsatzklar“, meldeten sich meist eine ganze Reihe von Streifenwagen. Im Gegensatz dazu herrschte bei „dicken“ Unfällen Funkstille. Häufig galt es, einen Streit zwischen Hure und Freier zu schlichten. Entweder war der Preis nicht angemessen oder die Prostituierte hat ihren Freier an die Luft gesetzt, wenn es ihr zu lange dauerte. („Muss halt eher kommen“). Dann kamen wir. Personalienaustausch, Hinweis auf den Rechtsweg, hieß es anschließend im Tätigkeitsbuch. Es gab auch Diebstähle oder Schlägereien. Oftmals zum Monatsanfang beim so genannten Lohntütenball.
Noch bis in die 1960er-Jahre hinein existierte direkt an der Stahlstraße eine kleine Wache. Die älteren Kollegen sprachen immer nur von der Puffwache und hatten allerhand Dönekes auf Lager. Die Kripo („Sitte“) stellte einen Beamten nur für die Bearbeitung der Vorgänge rund um den „Puff“ ab. Als „Papa Ferner“, so nannten ihn die Frauen, in den 1990er-Jahren in Pension ging, wurde die Stelle nicht mehr neu besetzt. Bei meinem heutigen Gang durch die Sackgasse wollte ich herausfinden, ob die Straße eigentlich ordnungsgemäß ausgeschildert ist. Fehlanzeige. Ich habe kein Straßennamensschild für eine der bekanntesten Straßen Essens gefunden. Lediglich das ehemalige Pissoir am Eingang wies noch den Hinweis „PP“ auf. Das hat mich dann doch ein bisschen irritiert. Kenne ich diese Ankürzung doch nur für den Polizeipräsidenten.
Hinweis auf das ehemalige Pissoir ohne Wasserspülung. Es roch nicht besonders angenehm an dieser Stelle.
Die Stahlstraße geht von der Nordhofstraße ab, es gilt dort „rechts vor links“.
Hinter Mauern befinden sich die Häuser der ältesten Laufstraße Deutschlands.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Finanzminister für 15 Minuten

Eines meiner Lieblingszitate, wenn es um Geld geht, stammt vom verstorbenen CDU-Politiker (!) Heiner Geißler: "Es gibt Geld wie Dreck auf der Erde. Es haben nur die falschen Leute“. Ich würde den Spruch erweitern wollen: “…und es ist falsch verteilt.“ Für die Verteilung der Steuergelder sorgt maßgeblich der Finanzminister. Ich war einer, allerdings nur für eine viertel Stunde.
Vor ein paar Tagen befragte mich auf der Kettwiger Straße ein ARD-Team der Redaktion „Plusminus“, ob ich bereit wäre, eine Rangliste zu erstellen? Bei einigen müsste allerdings auch eingespart werden. Acht Themen standen zur Auswahl: Schule/ Kindertagesstätten, Gesundheit/ Pflege, Rente, Innere Sicherheit, Wohnen, Einwanderung/ Flüchtlinge, Verteidigung und Umwelt/ Verkehr. Klar habe ich mitgemacht. Ganz oben auf meiner Agenda stand „Schule/ Bildung“ gefolgt von „Innerer Sicherheit“. Als Ex-Polizist natürlich ein Muss. Auf dem letzten Platz landete die „Verteidigung“. Die anderen Plätze sind meines Erachtens austauschbar. Das Ganze wird heute Abend im Magazin „plusminus“ im Ersten ausgestrahlt. Bin mal gespannt, ob ich ein guter Finanzminister war oder ob meine Ausführungen der Schere zum Opfer gefallen sind. Heute Abend (24.10.2018): Das Erste um 21.45 Uhr.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Ein Jahr #MeToo - auch bei der Polizei ein Thema?




Vor einem Jahr hat eine Nachricht auf „Twitter“ ein sehr brisantes oft totgeschwiegenes Thema aufgemacht. Sexualisierte Gewalt vorwiegend auf Frauen in Arbeitsverhältnissen. Immer dort, wo es um Macht ging. Viele Frauen haben danach ihre negativen Erfahrungen unter diesem Hashtag „MeToo“ öffentlich gemacht. Ganz wenige Männer auch. Dem amerikanischen Filmemacher Harvey Weinstein werfen mittlerweile über 80 Betroffene sexuelle Übergriffe vor. Andere Schauspieler hat es ebenfalls erwischt. Ein ganz bekannter sitzt mittlerweile im Knast. Die Debatte und Vorwürfe trafen auch einen deutschen Regisseur. Aber gibt es so ein sexuelles Machtverhalten nur in der Filmbranche, wo Männer ihre Stellung auf perfide ekelhafte Art und Weise ausleben? „MeToo“ - das Synonym für „Frauen und auch Männer wehrt euch“. Ein Stein kam ins Rollen.
Seit Anfang der 1980er-Jahre gibt es Frauen bei der uniformierten Polizei in Nordrhein-Westfalen. Bei der Kripo arbeiten sie schon viel länger. Eine Polizistin aus den Anfangszeiten erzählte mir: „Es war für mich die Hölle auf der Wache. Ich wollte schon mein Lieblingsberuf an den Nagel hängen.“ Hier ging es in erster Linie um Ablehnung von Frauen im Polizeiberuf. Sie wurde von ihren männlichen Kollegen gedemütigt, „dreckige“ Witze in ihrem Beisein erzählt, „schmutzige“ Bemerkungen gemacht. Tränen flossen. Nachts lief schon mal ein Pornofilm im Aufenthaltsraum. Klarer Fall von sexualisierter psychischer Gewalt. Und das bei der Polizei. Fast 40 Jahre her. Die Polizistin Monika Schumann schreibt in dem Buch von Dr. Frank Kawelovski „Achtung! Hier Gruga an alle“ über ihre Erfahrungen als junge Polizistin. Auch sie stellte ihre Berufswahl nach kurzer Zeit in Frage. Bei ihr ging es um die rüde Gangart einiger männlicher Kollegen gegenüber den jungen Polizistinnen und Polizisten, aber auch Bürgern. Einmal allerdings auch um Sexualität, als ein älterer Polizist mit einer kontrollierten Autofahrerin nach Hause fuhr. „Zum Schäferstündchen“, wie sie sagt. Auf der Dienstgruppe arbeitete der Beamte, der später als so genannter Sexkommissar negative Schlagzeilen machte, als er seine dienstliche Stellung zur sexuellen Nötigung einer Tatverdächtigen ausnutzte. Die Festnahme mit heruntergelassener Hose erfolgte inflagranti. Schumann: “Wir haben auf dem Flur getanzt, als wir hörten, dass er in den Knast musste.“

Viele Partnerschaften und Eheschließungen beginnen am Arbeitsplatz. Überall. So auch bei der Polizei. Mir sind viele bekannt. Daran ist nichts auszusetzen. Allerdings bewegen sich Paare in einem juristischen Bereich, wenn sie verlobt oder verheiratet sind. Stichwort: Zeugnisverweigerungsrecht. Sie sollten ihre Liebe öffentlich machen und auf verschiedenen Dienststellen arbeiten. So wird es auch in der Regel gehandhabt.Ich kenne allerdings auch aus der Vergangenheit Beziehungen zwischen verheirateten Vorgesetzten und Mitarbeiterinnen. Jetzt wird es kritisch. Dienstrechtlich allemal. Welche Abhängigkeiten spielen dabei eine Rolle? Denn irgendwann muss der Chef seine Mitarbeiterin dienstlich beurteilen. Was ist gemeint, wenn er schreibt: „Volle Hingabe an die Sache?“
Wie sieht es heute auf den Wachen aus? In der Regel fahren Mann und Frau zusammen Streife. Auch aus Gründen der Eigensicherung. Dann sind zwei Geschlechter alleine unterwegs – auch nachts. Im Streifenwagen nur durch die Mittelkonsole getrennt. Keine soziale Kontrolle wie in einem normalen Büroalltag. Mein Polizistensohn erzählte mir vor Jahren, dass er im Nachtdienst in seinem Bereich eine „fremde“ Besatzung beim Liebesspiel auf einem dunklen Parkplatz im Streifenwagen erwischte. Durch die beschlagenden Fensterscheiben sind sie aufgefallen. Kann passieren, wenn man und frau sich sympathisch finden und in lauer Sommernacht unterwegs sind. Ich habe mir oft die Frage gestellt. Gibt es sexualisierte Gewalt auch bei der Polizei, wo doch Recht und Ordnung an erster Stelle stehen muss? In der ganzen „MeToo-Debatte“ lese und höre ich in erster Linie dieses Phänomen in Promi-Kreisen. Ich vermute, dass Übergriffe in allen Lebensbereichen und Berufen stattfinden. Es müssten noch mehr Frauen und Männer den Mut haben, Missstände öffentlich zu machen: „Mir wurde Unrecht getan“. Bei aller Problematik und Kritik, die diese Kampagne begleiten. Gerade wir Polizisten lieben Kronzeugen. Wie wäre es mit welchen aus den eigenen Reihen?


Mittwoch, 10. Oktober 2018

Abgeholzt


Ein klein bisschen „Hambacher Forst“ in meinem Stadtteil Essen-Fischlaken. Die Anwohner der Aloisstraße waren gestern höchst erstaunt; als eine Fachfirma mit schwerem Gerät anrückte und vier uralte Bäume fällte. Sie standen vor einem erst kürzlich bezogenen Neubau. Das Grünflächenamt der Stadt Essen bestätigte die genehmigte Fällaktion auf Anfrage eines Nachbarn mit der Anmerkung:„Die Standsicherheit der Bäume sei nicht mehr gewährleistet.“ Eigenartig, dass gerade vier hintereinander stehende Bäume nicht mehr standsicher seien sollen. Und was ist mit den anderen Bäumen in der Straße? Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Mein in der Straße wohnenden Freund beginnt schon mit den Vorbereitungen für ein Baumhaus vor seiner Haustür.


Montag, 24. September 2018

Scheiße

Entschuldigt bitte. Aber dieses Unwort muss ich jetzt einmal loswerden, weil es zurzeit doppelte Bedeutung hat. Im Hambacher Forst werden zurzeit meine Kolleginnen und Kollegen mit Kot und Urin von so genannten Aktivisten beworfen. Ein Polizist schreibt aus dem Einsatzgebiet u. a.: „Seit einigen Tagen bin ich nun im Hambi eingesetzt und ich muss sagen, dass man hier eigentlich alles erlebt. Von Verständnis für uns, aber eben auch tiefste Ablehnung und Hass. […] Doch dann gibt es auch diejenigen, die mit Fäkalien auf uns werfen, die uns Mord an dem […] jungen Mann vorwerfen, die uns beschimpfen, beleidigen. Steine und Flaschen fliegen. Stahlkugeln werden mit Zwillen auf uns geschossen. […] Kot und Urin werden in Eimern gesammelt und auf uns gekippt. Dies ist schon seit Tagen immer wieder so. Mal mehr, mal weniger. Man muss auch dazu sagen, dass diese Aktivisten genau wissen, was sie zu sich nehmen müssen, dass der Kot eher flüssig ist und ehrlich gesagt auch erbärmlich stinkt. Pfefferminzöl und Desinfektionsmittel sind derzeit meine ständigen Begleiter. Vielleicht sind dies Informationen, die ihr nicht lesen wollt, aber ihr solltet es wissen.“ Mir fehlen zu dem Verhalten von den Waldbesetzern, die mit Fäkalien um sich werfen, einfach die Worte. Vielleicht ist das eine zutreffend. Was ihr macht ist einfach nur Scheiße.

Freitag, 14. September 2018

40 Jahre

Außer Dienst. Das bin ich jetzt schon knapp fünf Jahre. Und dies nach fast 45 Jahren im Polizeidienst. Berufsfazit: alles richtig gemacht. Meinem Arbeitgeber Polizei nach wie vor verbunden. So wie gestern. Die Essener Spezialeinheiten feierten ihren 40.Geburtstag. Und ich durfte sieben Jahre ein Teil davon sein. Eine spannende Zeit. Alles was bei der nordrhein-westfälischen Polizei Rang und Namen hat war gestern zur Norbertstraße gekommen. Auch der Oberbürgermeister Thomas Kufen war unter dem geladenen Gästen.
Dort in der alten denkmalgeschützten Polizeischule sind die vier Dienststellen zu Hause. Waren es anfangs das SEK (Spezialeinsatzkommando) und das MEK (Mobiles Einsatzkommando), kamen später die VG (Verhandlungsgruppe) und die TEG (Technische Gruppe) hinzu. Zusammen bilden sie die Essener Spezialeinheit. Innenminister Herbert Reul erinnerte in seiner Rede an die Anfänge. Die Spezialeinheiten wurden in 1970er-Jahren in ganz Deutschland gegründet. Es war die Antwort der Politik auf den Terrorismus und die zunehmende Gewaltkriminalität. So bekam Essen 1978 das SEK und MEK. Meist arbeiten die Spezialisten der Polizei im Verborgenen. Über 200 Einsätze absolvierte allein die Essener Einheit im letzten Jahr. Doch ab und zu rücken die Spezialeinheiten von Köln, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Bielefeld, Essen und des Landeskriminalamtes bei spektakulären Einsätzen in den Fokus der Öffentlichkeit. Gestern blieb sie ausgesperrt. Die Spezialisten und Gäste blieben unter sich. Und bei uns Veteranen hieß eher: Weißt du noch?

Mittwoch, 12. September 2018

Toi-KW für die "Pinkelnde Petra"


In der Polizeisprache wimmelt es nur so von Abkürzungen. FustKw (Funkstreifenwagen), LimaKw (Lichtmastkraftwagen), Nafri (kennen wir alle seit der Silvesternacht in Köln), LaDi (Ladendieb), Spusi (Spurensicherung), EHu (Einsatzhundertschaft) usw. usw. Gestern habe ich nach über 40 Jahren Polizeidienst noch eine Abkürzung dazu gelernt: Toi-Kw. Abgekürzt für Toilettenkraftwagen. Vor acht Jahren sorgte das Kunstwerk „Pinkelnde Petra“ von Marcel Walldorf für einen Skandal und eine rege Diskussion, der genau auf dieses Problem hinweisen wollte.
Was machen Polizistinnen mit Schutzanzug im Einsatz, wenn sie mal müssen? Da geht es nicht so schnell, wie bei den männlichen Kollegen, die sich kurz irgendwo in die Ecke stellen können. Ich weiß, dass viele Polizistinnen ihre Trinkgewohnheiten im Einsatz darauf einrichten. Sie trinken einfach weniger, weil irgendwann das Problem auf sie zukommen könnte. Und das ist schlecht. Deshalb ist die Forderung nach einem Toi-Kw eine ernste Angelegenheit. Jetzt trafen sich Gewerkschafterinnen der Polizei in Düsseldorf mit der Abteilungsleiterin Polizei des Düsseldorfer Innenministeriums, Ministerialdirigentin Dr. Daniela Lesmeister, um mit der gelernten Polizistin das Problem zu erörtern. Immerhin ist sie die Chefin von rund 45000 Polizisten*innen im Land. Bin mal gespannt, wann es die ersten Toi-Kw in NRW geben wird.