Seit ein paar Wochen bin ich stolzer Besitzer einer alten BMW R 45. Das Motorrad ist 40 Jahre alt, hat erst 23.000 Kilometer auf dem Tacho. Sieht aus wie neu und stand zum größten Teil in der Garage. Das Gefühl auf dem Boxermotor zu sitzen und das Kribbeln am Hintern zu spüren, war mein Antrieb zum Erwerb. Wie damals als junger Schutzmann, Anfang der 1970er-Jahre in der Essener Innenstadt. Oldie für Oldie.
Heute ist ideales Wetter für eine frühabendliche Runde in die tiefliegende Frühlingssonne hinein. Ich weiß zunächst nicht genau, wohin die Reise gehen soll. Eins steht fest - Richtung Bergisches Land. Vom Essener Süden aus nur einen Katzensprung. Ich entscheide mich für den Wallfahrtsort Neviges mit dem imposanten Mariendom aus Beton, geweiht 1968 ist die Kirche die zweitgrößte im Erzbistum Köln. Die kurvenreiche Strecke mit der „Gummikuh“ über die Landstraßen macht echt Spaß. Ich weiß, dass ich noch tanken muss. Aber das ist kein Problem. Haben die alten BMW doch einen Schalter, den man schnell auf Reserve umschalten kann. Die restlichen zwei Liter reichen allemal bis zur nächsten Tankstelle.
Angekommen am Dom mache ich einen kurzen Stopp. Die Kirche hat Platz für 3.000 Gläubige in dem bekannten Wallfahrtsort. Schnell noch ein Foto für die Nachwelt und einen Gruß in den blauen Himel, dann zurück nach Essen. Ich fahre im Gegensatz zur Hinfahrt über die Autobahn. Kaum aufgefahren, fängt die Maschine an zu stottern. Benzinknappheit? Kein Problem, ich muss nur den Schalter auf Reserve umlegen. Gesagt, getan. Die BMW ruckelt allerdings weiter und nimmt kein Gas mehr an. Ich lasse sie auslaufen und bocke sie auf. „Bloß kein Benzinmangel, das wäre äußerst peinlich“, ist mein Gedanke. Ich orgel (!) ein bisschen. Der Anlasser dreht mit der neuen Batterie gut, der Motor springt aber nicht an. So ein Mist! Ich rufe die Pannenhilfe an, höre aber zunächst eine weibliche Stimme, die auf eine App und das Internet hinweist. Dann wird es noch dauern, bis ein „Gelber Engel" kommt. Hoffentlich noch vor dem Sonnenuntergang.
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Stopp vor dem Mariendom in Neviges |
In diesem Moment parkt hinter mir ein silbergrauer Mercedes mit ME-Kennzeichen und stellt seine Warnblinkanlage an. Am Ende des Kennzeichens ein E für Elektroauto. Er hat bestimmt keine Benzinsorgen, ist mein erster Gedanke. Ein junger Mann fragt nach, ob er helfen kann. „Wenn es nur ein Benzinproblem ist, fahre ich Sie gerne zur nächsten Tankstelle. Wir ordern einen Kanister und fahren zurück zum Abstellort“, sagt er. Er habe im Vorbeifahren gesehen, wie ich in den Tank geschaut habe. Dann sei er an der nächsten Ausfahrt abgefahren, habe gedreht und wieder auf die Bahn in meine Richtung gefahren. Das Angebot nehme ich dankbar an. An der Tankstelle in Velbert kaufe ich einen 5-Liter-Kanister, fülle ihn und gehe zur Kasse. Und jetzt der nächste Schock. Der Griff in die Innentasche der Lederjacke geht ins Leere, so dass ich fast in den Boden versinken möchte. Brieftasche vergessen. Das passiert mir eigentlich nie. Schon höre ich die Stimme des jungen Mannes hinter mir: „Kein Problem, ich strecke vor.“
Er bezahlt.
Wir fahren zurück zur A 535. Auf der Fahrt erzählt er, dass er auf dem Rückweg von der Sanitärmesse in Frankfurt nach Hause in Langenberg gewesen sei. Ob nun eine halbe Stunde eher oder später daheim sei ihm egal. Hauptsache er könne als ehemaliger Biker helfen. Wir füllen Benzin in den blauen Tank und sind gespannt, was passiert. Tatsächlich. Die Maschine springt sofort an. Der unfreiwillige Stopp ist auf Benzinmangel zurückzuführen.
Wir tauschen Adressen aus. Ich bedanke mich tausend Mal. Kaum wieder daheim lese ich die Nachricht: „Hallo, ich hoffe, ihr Schmuckstück hat Sie wohlbehalten nach Hause gebracht.“
Jetzt sage mir nur einer, die Menschen werden immer egoistischer. Niemand kümmert sich um den anderen. Diese kleine Geschichte beweist das Gegenteil, weil es Männer wie Marian gibt. Oder hat mir jemand diesen Engel vom Mariendom aus hinterhergeschickt?
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